Klimagipfel in Paris: "Sie verbrennen den Planeten"

Paris, 11.12.2015
von Fabian Scheidler und David Goeßmann

„Sie verbrennen den Planeten“: Mit diesen Worten resümiert der ehemalige bolivianische Klima-Chefunterhändler Pablo Solón das bisherige Ergebnis des Klimagipfels in Paris. Die derzeit vorliegenden Angebote zur Reduzierung von Treibhausgasen führen in eine Welt, die drei bis vier Grad wärmer wird – mit katastrophalen Folgen für große Teile der Weltbevölkerung. „Wir werden in eine Situation gebracht, in der die Frage ist, wessen Kinder überleben und wessen sterben werden. Es ist ein Genozid.“ Solón ist ein langjähriger Insider der Verhandlungen und inzwischen einer ihrer schärfsten Kritiker. Die zentrale Aufgabe ist es in seinen Augen, dafür zu sorgen, dass mindestens 80 Prozent der fossilen Energieträger, also Kohle, Öl und Gas, im Boden bleiben und nicht verbrannt werden. Nur so hätten wir eine Chance, einen katastrophalen Klimawandel zu verhindern. Doch genau darüber werde in den UN-Verhandlungen nicht gesprochen. Stattdessen würden Pseudolösungen wie Emissionshandel vorangetrieben – und hinter den Kulissen auf extrem risikoreiche technokratische Ansätze wie Geo Engineering gesetzt. „Was unsere Regierungen und die fossilen Industrien hier tun, ist ein Verbrechen an der Menschheit“, sagt der Bolivianer im ausführlichen Interview mit Kontext TV, das in Kürze erscheinen wird.

Wer sich näher mit den Verhandlungen beschäftigt, kommt kaum umhin, Solón zuzustimmen. Statt auf ein bindendes Abkommen wie einst in Kyoto (1997) zu setzen, geht es inzwischen nur noch um freiwillige Beiträge. Die USA setzen sich sogar dafür ein, dass diese Ziele nicht einmal im Anhang des offiziellen Dokumentes auftauchen sollen. Werden sie nicht erfüllt, gibt es keinerlei Sanktionen. Selbst im besten – und unwahrscheinlichsten – Fall, dass die Regierungen ihre unverbindlichen Versprechen vollständig in Taten umsetzen, bewegen wir uns auf drei bis vier Grad plus zu – und damit auf Millionen von Klimatoten und globales Chaos. Auch die oft als Vorreiter im Klimaschutz gehandelte EU bietet mit 40 Prozent Reduktionen bis 2030 gerade einmal die Hälfte dessen an, was renommierte Klimawissenschaftler wie Kevin Anderson vom britischen Tyndall Centre für nötig halten, um unter zwei Grad zu bleiben.

Hinzu kommt, dass hinter den Kulissen die Berechnungsmethoden in Klimamodellen Schritt für Schritt korrumpiert wurden. Trick Nummer eins besteht darin, Wahrscheinlichkeitsfaktoren zu verschieben. War vor einigen Jahren in den offiziellen Dokumenten der UN und auch der EU noch die Rede davon, dass man eine Erderwärmung um mehr als zwei Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 67 Prozent verhindern müsse, so ist dieses Ziel mittlerweile auf 50 Prozent Wahrscheinlichkeit gesenkt worden. Wer würde einen Atomreaktor ans Netz gehen lassen, für den eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit besteht, dass er explodiert? Aber für das Klima scheint soll dies nun genug sein.

Der zweite Trick besteht in der Mitberechnung von Zukunftstechnogien, die es noch gar nicht gibt und von denen niemand weiß, ob sie je großflächig und sicher eingesetzt werden können. In vielen Klimamodellen, die den UN-Verhandlungen zugrunde liegen, wird vorausgesetzt, dass in wenigen Jahrzehnten große Mengen von Kohlenstoff aus der Atmosphäre gezogen und unterirdisch oder unter dem Meer gespeichert werden können. Diese Technologie-Phantasie ist unter dem Namen von „Carbon Capture and Storage“ (CCS) bekannt. Hunderte Gigatonnen CO2 sollen in ehemalige Erdöl- und Erdgasförderstätten unter dem Ozean oder unter der Erde gepumpt werden. Ob das je möglich sein wird, ist mehr als fraglich. Viele Unternehmen, darunter auch der schwedische Energieriese Vattenfall, haben die Forschung daran bereits eingestellt, weil es viel zu teuer und risikoreich ist. Trotzdem fungiert diese Phantomtechnik in Klimamodellen noch als zukünftige Wunderwaffe.

Solche Tricks funktionieren wie Regler an Modell-Realitäten: Indem man den Anteil von nicht-existenten Technologien erhöht oder Wahrscheinlichkeitsschwellen senkt, wächst auf beinahe magische Weise die Menge von Kohlenstoff, die wir noch in die Atmosphäre pumpen können, ohne eine bestimmte Temperatur zu übersteigen. Aber die Physik der Erdatmosphäre interessiert sich nicht für solche Scheinrealitäten. Wenn wir in diesem Jahrhundert vier Grad durchschnittliche Erwärmung bekommen, bedeutet das plus zehn Grad für große Teile Afrikas, die damit unbewohnbar werden. Eine Studie, die jüngst von Wissenschaftlern des Massachusetts Institutes of Technology veröffentlicht wurde, sagt voraus, dass auch große Teile des Nahen Ostens unbewohnbar werden. Wenn die Gletscher des Himalaya verschwinden, wird die Landwirtschaft in weiten Gebieten Nordindiens und Chinas zusammenbrechen. Küsten- und Hafenstädte wie Kalkutta, Shanghai, Alexandria, New York City und Hamburg werden durch den Meeresspiegelanstieg auf Dauer nicht zu halten sein. Wo sollen alle diese Menschen hin? Wovon sollen sie leben, wenn ihre Lebensgrundlagen irreversibel zerstört sind?

Statt weiterer Trickserien und PR-Shows wie in Paris brauchen wir mindestens doppelt so hohe nationale Reduktionsziele, auch in Deutschland und der EU - also eine Reduktion um 80 Prozent bis 2030. Das bedeutet tiefgreifende, mutige und schnelle Veränderungen unserer gesamten Infrastrukturen und unserer Produktionsweise: Statt einer weiteren Ausweitung des Welthandels brauchen wir eine Re-Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe. Statt neuer Flughäfen, Autobahnen, Containerhäfen und Gigaliner brauchen wir eine grundsätzliche Veränderung und Schrumpfung des Verkehrssektors. Statt weiterer Privatisierung und Deregulierung brauchen wir massive Eingriffe zugunsten des Gemeinwohls. Und einen schnellen Kohleausstieg brauchen wir sowieso. Über all dies wurde auf dem Gipfel in Paris nicht gesprochen. Doch auf diesen Politikfeldern wird über Leben und Tod von Millionen von Menschen entschieden.

Kontext TV wird in den nächsten Wochen und Monaten eine Reihe von Sendungen zum Thema Klimawandel herausbringen. Der Beginn wird eine Bilanz des Pariser Klimagipfels sein, u.a. mit Pablo Solón sowie den Klimawissenschaftlern Alice Bows-Larkin und Kevin Anderson.

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