06.06.2011
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Einleitung: 

Indien hat neben China die höchsten Wachstumsraten weltweit. Doch mit dem Wachstum nimmt auch die Armut und die Umweltzerstörung zu, sagt Vandana Shiva, weltweit bekannte Bürgerrechtlerin und Ökologin, die 1993 den Alternativen Nobelpreis erhielt. Der größte Teil der Wachstumsgewinne fließt in die Taschen von knapp 100 Milliardären. Patentierung von Saatgut beschert Monsanto hohe Wachstumsraten und treibt zugleich Millionen von Bauern in die Schuldenfalle, 250.000 haben sich in den letzten zehn Jahren umgebracht. Zugleich findet das Klimachaos in Indien bereits statt, Dürren und Überschwemmungen vernichten die Lebensgrundlagen von Bauern.

Gäste: 

Vandana Shiva, Bürgerrechtlerin und Ökologin, Indien, Trägerin des Alternativen Nobelpreises

Transkript: 

Fabian Scheidler: Die Bewohner reicher Länder wie Deutschland verbrauchen 80 Prozent der globalen Ressourcen, stellen aber nur 20 Prozent der Weltbevölkerung. Zugleich sind Menschen in Entwicklungsländern am härtesten von Umweltschäden und Klimawandel betroffen. Die UN rechnen mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050. Die Ärmsten der Welt zahlen die Zeche des Wachstums. Unser Gast im Studio ist nun Vandana Shiva aus Indien. Sie ist Physikerin und weltweit bekannt als Frauenrechtlerin und ökologische Aktivistin. 1993 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis. Willkommen zu Kontext TV, Vandana Shiva.

Vandana Shiva: Danke.

Fabian Scheidler:  Frau Shiva, sie halten heute die Eröffnungsrede für den Kongress „Jenseits des Wachstums“. Warum, denken Sie, müssen wir uns auf einen Weg „jenseits des Wachstums“ begeben?

Vandana Shiva: Ich denke, dass schon lange erkennbar ist, dass wir uns auf einen Weg “Jenseits des Wachstums” machen müssen. Aber nach 2008, als die Finanzblase platzte, als sich zeigte, dass die Instrumente, die zu Wachstum führen sollen, vollkommen von der Realität abgekoppelt sind und zugleich so viel Leid für die Menschen brachten, seit dieser Krise weiter über Wachstum zu sprechen bedeutet weiter in einer Illusion zu leben. Der erste Grund, warum es notwendig ist, sich “Jenseits des Wachstums” zu begeben, besteht darin, dass Wachstum – national und international – nur kommerzielle Transaktionen misst. Es lässt die gesamte Fülle an Produktivität der lokalen Ökonomien aus. Es kümmert sich nicht um die unglaubliche Produktion von Gütern und Dienstleistungen der natürlichen Ökosysteme. Der zweite Grund, warum wir “Jenseits des Wachstums” denken müssen, liegt darin, dass Geld der einzige Gradmesser für Wachstum ist. Geld reproduziert sich heute selbst. 3 Trillionen Dollar werden täglich um die Welt geschickt – 70 Mal mehr als die zur Verfügung stehenden Güter und Dienstleistungen. Geld ist zu einer Illusion geworden. Es gibt noch einen dritten Grund. Wenn ein Land sagt, dass es 10 Prozent Wachstum habe, dann wird niemals erzählt, wohin die Anhäufung von Reichtum gegangen ist. Indien gehört zu den herausragenden Wachstumsökonomien, und doch schaffen wir gleichzeitig eine ungeheuere Ungleichheit – und zwar in einem Maße, das wir bisher nicht gekannt haben und das zu einer Bedrohung für unsere politische Stabilität geworden ist.

David Goeßmann:  Worin besteht die Verbindung zwischen Wachstum und Konsum in Industrieländern wie Deutschland und den Folgen in Entwicklungsländern wie Indien? Wie sind die Menschen dort betroffen von den Folgen unseres Lebensstiles hier?

Vandana Shiva: Bevor ich ins Studio kam, habe ich einen Kaffee im Hotel getrunken. Ich hatte kein Mittagessen, daher fragte ich, ob ich ein Croissant oder so etwas bekommen könnte. Es gab nichts dergkeiche, aber stattdessen bekam ich ein kleines Plätzchen, das in Aluminium eingepackt war. Jeder einzelne Keks hatte seine eigene Aluminium-Hülle. Dieses Aluminium entsteht irgendwo in den Niyamgiri-Bergen im Bundesstaat Orissa. Es hat seinen Ursprung in Bauxit. Konsumismus an einer Stelle der Welt bedeutet einen ökologischen Fußabdruck irgendwo anders auf dem Planeten zu hinterlassen. Und die Globalisierung hat es geschafft, dass für jede Aluminium-Verpackung, die wir hier verbrauchen, die Folgen an die Dritte Welt weitergegeben werden. Dort hat sich die ressourcenintensive, umweltverschmutzende und Energie verschwendende Industrie hin verlagert. Deutschland war einmal das Zentrum der Stahlproduktion der Welt. Zeigen Sie mir heute ein laufendes Stahlwerk in Deutschland. Aber Orissa, einer unserer wichtigsten indigenen Kulturregionen, ist heute übersät mit Aluminium- und Stahlfabriken. Und überall, wo eine dieser Fabriken gebaut wird, leisten Menschen Widerstand. Bauern wollen ihr Land nicht abgeben wie im Fall des Stahlkonzerns POSCO, wo 20 Polizei-Batallione stationiert sind, um die Bauern von ihrem Land zu vertreiben – um eine 100 Prozent auf den Export ausgerichtete Stahlfabrik zu bauen. POSCO ist scheinbar ein koreanisches Unternehmen,  aber tatsächlich gehört es der Wall Street. Der überwiegende Teil der Aktien wird von der Wall Street gehalten, 5 Prozent davon vom US-Investor Warren Buffet. Bauern in dieser Region verdienen viel mit dem Anbau der Betelnusspalme, einer Weinart. Die Betelnusspalme wird nicht als globales landwirtschaftliches Handelsgut geführt, sie ist auf Indien begrenzt. Sie wird nicht einmal in unseren nationalen landwirtschaftlichen Statistiken aufgelistet. Aber ein kleiner Bauer macht vier Millionen Rupees pro Morgen Ackerland. Die Betelnuss-Bauernhöfe sind sehr klein von der Fläche, aber die Bauern verdienen eine Menge. Dieser Wohlstand wird von der Polizei zerstört. Jedes neue Stahlproduktion, die irgendwo auftaucht, zerstört eine Gemeinschaft wie diese. In den Bauxit-haltigen Bergen von Niyamgiri zum Beispiel, wo die indigenen Stämme der Dongria Kondh leben. Diese Stämme leisten Widerstand gegen den Bergbau. Und wir unterstützen sie dabei. Wir haben Solidaritätsaktionen durchgeführt. Wir versuchen, das politische System in Indien zu beeinflussen, indem wir zeigen, dass dieser Berg eine wichtige Wasserquelle ist. 32 Flüsse haben dort ihren Ursprung. Der Berg gilt sogar als eine Quelle des Universums, Niyamgiri heißt: "Der Berg, der sich dem universalen Gesetz gegenüberstellt. Die Dongria Kondh sagen, dass, wenn der Berg zerstört wird, die Welt zerstört werde. Oder nehmen Sie Ihre Kleidung. Wenn sie heute Baumwolle anhaben, dann wird davon wahrscheinlich 95 Prozent toxische Baumwolle sein. Es ist gentechnisch veränderte BT-Baumwolle von Monsanto. Indien ist die Wiege der Baumwolle. Wir haben unsere Freiheit zu Gandhis Zeiten mit Baumwolle gesponnen. Heute sind 85 Prozent der Baumwolle gentechnisch verändert. Sie enthalten ein toxisches Gen. Für diese Baumwolle muss man Lizenzgebühren bezahlen. Jährlich werden 10 Milliarden Rupees – etwa170 Millionen Euro –  von armen indischen Bauern eingefordert, die dadurch in die Schuldenfalle getrieben werden. Viele verschuldete Bauern verzweifeln und bringen sich schließlich um. Eine Viertel Millionen Bauern in Indien hat Selbstmord begangen, die meisten davon im Baumwollgürtel. Der größte Anteil der Baumwolle ist genveränderte Monsanto-Baumwolle. Daher stammen die Hemden, die Sie hier kaufen.

Fabian Scheidler: Sie erwähnten schon die extremen Wachstumsraten in Indien, und Indien wir oft, auch von den Finanzmärkten, für dieses Wachstum gelobt. Als ich kürzlich in Indien war, war ich verblüfft und schockiert über das Ausmaß von Armut und Umweltzesrtörung dort. Wer profitiert vom Wachstum in Indien, und wer nicht? Und ist Wachstum der beste Weg, um die Armut zu beseitigen?

Vandana Shiva: Weil Wachstum nur die kommerziellen Transaktionen misst, und die Abnutzung der Natur, die Zerstörung von Leben und von Lebensräumen der Armen außer Acht lässt und externalisiert, ist Wachstum tatsächlich ein Prozess, der Armut herstellt und vertieft, statt Armut zu belämpfen.. Vor zwei Tagen war ich mit Bauern des Dorfes Batabasol zusammen. Der Ort ist in der Nähe von Delhi. Delhi breitet sich aus wie ein Krebsgeschwür. Das Land um Delhi ist ein enorme Profitquelle für Spekulation. Aber es sind keine Marktkräfte, die sich das Land aneignen. Keiner der Bauern würde sein Land verkaufen. Das Land bedeutet für die Bauern Lebensraum und Zukunft. Daher wendet man ein altes koloniales Gesetz von 1894 an, damit die Regierung das Land für 300 Rupees pro Quadratmeter kauft und weiterverkauft. Die Unternehmen kommen so an das Land und verkaufen es für 600.000 Rupees pro Quadratmeter. Von 300 auf 600.000 Rupees bedeutet einen enormen Wachstumssprung. Dieses Wachstum geht in die Taschen der hundert neuen Milliardäre, die es in Indien inzwischen gibt. Jeder indische Milliardär ist aufgrund von Landaneignung und Immobilien zum Milliardär geworden. Und das wiederum wurde ermöglicht durch gewaltsames Eingreifen des Staates. Die armen Bauern haben nun nichts mehr. Sie haben zwar finanzielle Kompensation bekommen. Aber die Gemeinschaften, die an harte Arbeit in der Hitze und im Regen gewöhnt waren, wissen nicht, was sie mit dem Geld machen sollen. Die Jungen werden zu Drogen- oder Alkoholabhängigen. Millionen sind arbeitslos in der Gegend. Nahe Dehli wurde das angeeignete Land benutzt, um eine Formel-1-Rennstrecke zu bauen.  Man hat uns erzählt, das würde Entwicklung bringen. Es entstanden Luxus-Immobilien, 20 Prozent davon sind nicht vermietet. Man wollte uns weismachen, dass die Häuser für die Armen gebaut würden. Aber die Armen können sich das nicht leisten. Selbst die Mittelklasse kann das nicht. Spekulanten besitzen die Häuser. Hundert neue Milliardäre kontrollieren ein Drittel der indischen Wirtschaft, die 1,2 Milliarden Menschen umfasst. Dahin geht der Wachstum. Es ist auf Kosten der Natur, es ist zu Lasten der Menschen.

Fabian Scheidler: Indien ist in letzter Zeit von extremen Dürren und Störungen des Monsunzyklus heimgesucht worden. Was sind die Auswirkungen des Klimawandels auf Menschen in Indien – und was ist in der Zuklunft zu erwarten?

Vandana Shiva: 2009 gab es eine schwerwiegende Dürreperiode. In einigen Gebieten Indiens ging der Regen um 75 Prozent zurück. In der Region, wo ich lebe, im Zentral-Himalaya Gebiet von Uttarakhand, einem neuen Bundesstaat, der aus dem Himalaya-Staat hervorging, unternahmen wir eine erste Untersuchung. Wir gingen von Dorf zu Dorf. Dreiviertel der Wasserläufe waren vertrocknet. Frauen warteten vier Tage auf Tankfahrzeuge mit Wasser. Die Quellen des Wassers im Himalaya trocknen zunehmend aus. Die Gletscher gehen zurück. Währenddessen wird eine künstliche Diskussion darüber geführt, dass das nicht der Fall ist. Dabei gehen die Gletscher, die den Ganges nähren, jedes Jahr um 23 Meter zurück. Ich bin in die Jharkhand-Region gereist, wo wir Saaten aufbewahrt hatten. Gottseidank hatten wir das getan. So konnten unsere Bauern in unserem Netzwerk Hirse anbauen, die nur 255 Milimeter Regen braucht. Bauern, die Reisfelder aus der grünen Revolution mit den notwendigen Chemikalien und Bewässerungen betrieben, mussten mit der Aussaat der Jungpflanzen bis August warten. Eigentlich sollte das im Juni stattgefunden haben. Es gab keine keine Ernte, gar nichts. Letztes Jahr hatten wir soviel Regen, dass ganze Regionen überflutet wurden. In meiner Region gab es zunehmend Erdrutsche. Dörfer begannen die Berge herunter zu rutschen. Ein grobe Schätzung im Jahr 2009 zeigt, dass dieser “Regen zur falschen Zeit” Indien 30 Milliarden Dollar an Schaden kostete. Das ist die Summe, die die gesamte Welt für Klimaschäden als Kompensation in eine Fonds einbringen will. Vielleicht wird es auch nicht einmal ein Fonds werden. Jedenfalls zehren die Kosten für eine Regensaison in einem Land bereits die gesamte global veranschlagte Summe auf. Und das ist ja nicht alles. Die Zerstürung der indischen Landwirtschaft und der in anderen Teilen der Welt, die Waldbrände in Russland, die Überschwemmungen im Indus-Becken im letzten Jahr. 200 Menschen wurden in der oberen Region des Indus-Beckens, in Ladakh, wo der Indus entspringt, weggeschwemmt. 2000 Menschen starben in den Überschwemmungen in Pakistan. Es sterben also heute bereits Menschen an den Folgen des Klimawandels. Ich nenne es Klimaverwüstung und Klimachaos. Uns wurde von den Klimaskeptikern eingeredet, dass der Klimawandel nicht stattfindet. Die fossile Brennstoffe Industrie lügt, um weiter an der Zerstörung dieses Planeten zu arbeiten. Sie wollen weiter Profite machen. Aber die Kosten dafür sind zu groß, das sehen wir bereits heute. Es geht hier nicht um Zukunftsmodelle. Nicht in hundert Jahren, sondern jetzt muss gehandelt werden.