12.11.2019

Rojava, oder: Die Kunst des Übergangs in einer scheiternden Zivilisation

 

Angesichts der türkischen Invasion in Nordsyrien veröffentlichen wir hier einen Beitrag aus dem gerade erschienenen Buch „Das freie Leben aufbauen“, eine Sammlung von Essays zur kurdischen Beifreungsbewegung und zur Philosophie Abdullah Öcalans. Neben diesem Artikel sind darin auch Texte von David Graeber, John Holloway, Immanuel Wallerstein, Antonio Negri und Norman Paech enthalten. Fabian Scheidlers Beitrag erscheint hier in einer gekürzten und aktualisierten Fassung.

Am 9. Oktober begann die türkische Armee mithilfe radikal-islamistischer Söldner einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die kurdischen Autonomiegebiete in Nordsyrien. Mit dem Abzug von US-Truppen aus der Region hatte Präsident Donald Trump die Türkei zuvor zu diesem Überfall ermutigt. Seither haben die westlichen Regierungen weitgehend tatenlos zugesehen, wie der NATO-Partner Türkei mit seinen terroristischen Schergen Tausende von Kurden umbrachte und etwa 300.000 Menschen zur Flucht trieb. Die Türkei hat laut UN und Amnesty International zahlreiche zivile Ziele angegriffen, darunter die Wasserversorgung, Wohngebiete und Kraftwerke, mit der offensichtlichen Absicht, Zivilisten auf diese Weise entweder in den Tod oder in die Flucht zu treiben. Weitere Massaker konnten nur verhindert werden, indem die Provinzverwaltung das Assad-Regime und Russland zähneknirschend um militärische Hilfe bat – und dabei einen Teil ihrer Autonomie preisgab.

Zwar fehlte es nicht an verbalen Ermahnungen an die Türkei zur „Zurückhaltung“, aber ernsthafte Druckmittel blieben aus. Insbesondere die deutsche Bundesregierung weigert sich beharrlich, Sanktionen zu verhängen oder auch nur die Hermes-Bürgschaften für Exporte in die Türkei zurückzuziehen. Nach dem brutalen türkischen Überfall auf Afrin im vergangenen Jahr haben deutsche Waffenexporte an die Türkei wieder Höchstwerte erreicht, allein in den ersten vier Monaten 2019 wurden Rüstungsgüter im Wert von 180 Millionen Euro geliefert – so viel wie an keinen anderen NATO-Staat. Die vorübergehenden Einschränkungen, die Außenminister Heiko Maas im Oktober ankündigte, gelten nur für neue Genehmigungen, nicht für laufende Lieferungen. Indem sie ihre Druckmittel nicht nutzt, macht sich die deutsche Regierung mitschuldig an dem massenhaften Morden.

Diese stillschweigende Komplizenschaft ist umso fataler, als die kurdische Befreiungsbewegung den größten Beitrag zur Bezwingung des Islamischen Staates geleistet hat, der nun, Dank des türkischen Überfalls, womöglich neuen Auftrieb erhält. Die kurdisch geprägte Provinz Rojava ist zudem ein in der Region einmaliges Beispiel von Demokratisierung und gelingender Versöhnungspolitik. Rätestrukturen erlauben eine hohe Bürgerbeteiligung an politischen Prozessen, insbesondere von Frauen. Den endlosen Lippenbekenntnissen zu „Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ zum Trotz leistet die Bundesregierung de facto Schützenhilfe zur Zerstörung der Demokratie in dieser Region.

Die Bedeutung Rojavas in den gegenwärtigen globalen Krisen

Die Errungenschaften der kurdischen Befreiungsbewegung sind nicht nur für die Freiheitskämpfe in der Region von enormer Bedeutung, sondern auch für die Übergangsperiode, die wir auf globaler Ebene vor uns haben. Die 500jährige gewaltsame Expansion der kapitalistischen „Megamaschine“ hat sowohl Gesellschaften als auch den Planet an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Das „Kapitalozän“ hat das sechste große Massenaussterben in der Geschichte der Erde in Gang gesetzt. Die Ernährungs-und Landwirtschaftsorganisation der UN sagt voraus, dass der Welt nur noch 60 Ernten bleiben, wenn dieser Pfad fortgesetzt wird. Allerdings scheint dies noch sehr optimistisch zu sein, denn der Verlust an Biodiversität und das Klimachaos schreiten inzwischen weitaus schneller voran, als es selbst die düstersten Voraussagen noch vor zehn Jahren für möglich hielten. All dies geschieht auf einem Planeten, auf dem 42 Menschen so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Diese groteske Ungleichheit heizt nicht nur das soziale und politische Chaos an, sondern verursacht auch eine wirtschaftliche Instabilität, die letztlich zu einem systemischen Kollaps führen kann.

Vor diesem Hintergrund, könnte es überlebenswichtig werden, von Rojava zu lernen. Denn die Menschen in Rojava haben sowohl auf die Gewalt in der Region als auch auf den Zusammenbruch von Infrastrukturen und Versorgung auf bemerkenswerte Weise geantwortet. Unter extremsten Bedingungen, vom IS auf der einen Seite und der Türkei auf der anderen angegriffen, inmitten von fast einem Dutzend lokaler, regionaler und geostrategischer Kriege, ist es den Frauen und Männern des westlichen Kurdistan gelungen, eine Insel der Selbstbestimmung und echten Demokratie zu schaffen, die zu einem Leuchtturm der Hoffnung für Menschen auf der ganzen Welt geworden ist. Abgeschnitten von globalen und interregionalen Versorgungsketten haben sie damit begonnen, eine Wirtschaft aufzubauen, die auf Kooperativen und kollektiver Entscheidungsfindung basiert.

Das ist umso erstaunlicher, als Krieg in der Regel selbst emanzipatorischen Bewegungen eine militaristische, straff zentralisierte Logik aufzwingt und Selbstorganisation im Namen militärischer Effizienz unterdrückt. Die geschichtlichen Beispiele dafür sind Legion, von der Oktoberrevolution in Russland bis zu vielen Unabhängigkeitsbewegungen und unzähligen Guerillas im Globalen Süden. Selbst wenn der Krieg gewonnen wurde, war er in einem anderen Sinn zugleich verloren, weil die Sieger ihren Gegnern zum Verwechseln ähnlich geworden waren. Die Menschen in Rojava hingegen – ähnlich wie die Zapatisten in Mexiko – haben aus dieser Geschichte gelernt. Inspiriert von den Schriften Abdullah Öcalans (der sich seinerseits auf feministische Theorie, Murray Bookchin, Immanuel Wallerstein und viele andere bezieht), haben sie damit begonnen, nicht nur eine spezifische Form der Macht herauszufordern, etwa den Kapitalismus oder einen bestimmten Staat, sondern die Wurzeln der Herrschaft.

Die Herausforderung der vier Tyranneien

Alle Herrschaftssysteme der letzten 5000 Jahre basierten auf vier Säulen der Macht, die ich die vier Tyranneien nenne. Alle vier werden von dem kurdischen Projekt des „demokratischen Konföderalismus“ herausgefordert. Die erste Tyrannei ist die physische Macht. Sie findet sich in patriarchalen Familienstrukturen, in der Sklaverei, Mafia- und Warlord-Systemen und, in ihrer mächtigsten Form, in Staaten (die ihrerseits oft aus Mafia- und Warlord-Systemen hervorgehen). Eine der folgenreichsten Entscheidungen in der Geschichte der kurdischen Befreiungsbewegung war es, das Ziel aufzugeben, einen eigenen Staat zu gründen. Anstatt sich auf dieses alleinige Ziel zu konzentrieren und alle anderen Kämpfe als bloße „Nebenwidersprüche“ unterzuordnen, konnte so ein wesentlich ganzheitlicherer Ansatz verfolgt werden, der es erlaubte, verschiedene Formen von Macht und Herrschaft herauszufordern, ob sie nun aus der Gemeinschaft selbst oder von außen kommen. Die Frage, wie patriarchale Strukturen überwunden werden, zum Beispiel, konnte nun nicht mehr auf die Zeit „nach der Revolution“ vertagt werden, sondern musste umgehend auf allen Ebenen angegangen werden. Dies war auch entscheidend dafür, zu verhindern, dass der Gesellschaft eine militaristische Logik aufgezwungen wird.

Die Überwindung der strukturellen Gewalt

Die zweite Tyrannei oder Herrschaftssäule ist strukturelle Gewalt. Seit der Zeit der ersten mesopotamischen Stadtstaaten hat sie sich in der Privatisierung und Konzentration von Landbesitz manifestiert, in Schuldbeziehungen, in dem System des Privateigentums, in geschrieben Gesetzen, die Ungleichheit kodifizierten und zementierten, und schließlich in den Institutionen des modernen Kapitalismus.

Heute ist die endlose Akkumulation von Kapital, die das übergeordnete Prinzip der Megamaschine ist, in den 500 größten Konzernen institutionalisiert, die etwa 40 Prozent des Weltsozialproduktes kontrollieren. Diese Institutionen sind monströs, nicht nur wegen ihrer Größe und Macht, sondern aufgrund ihrer spezifischen inneren Logik. Ihr einziger Zweck, der in ihrer juristischen Konstruktion niedergelegt ist, besteht darin, die Welt der lebenden Wesen, die Materie und sogar menschliche Beziehungen in handelbare Güter zu verwandeln und schließlich in Zahlenkolonnen auf einem Bankkonto. Tod durch Abstraktion ist der Fluchtpunkt ihres Geschäftsmodells – ein mondähnlicher Planet mit einem einsamen Computermonitor, der eine endlose Reihe von Nullen zeigt.

Die kurdische Bewegung fordert all diese Formen der strukturellen Gewalt an ihrer Wurzel heraus. Hunderte von Kooperativen sind gegründet worden, in der Textilproduktion, in der Lebensmittelverarbeitung und in anderen Sektoren, wobei das Privateigentum teilweise durch Prinzipien ersetzt wird, die auf dem Konzept der Commons basieren. Gebührenfreie Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen werden entwickelt. Das Ziel ist es, eine Wirtschaft zu schaffen, die sich an Bedürfnissen orientiert und nicht an Profit und Akkumulation.

Die Mythen der Moderne demontieren

Die dritte Tyrannei, die von den Menschen von Rojava herausgefordert wird, ist die ideologische Macht, die dazu dient, die physische und strukturelle Gewalt, auf der jedes Herrschaftssystem beruht, zu legitimieren und als naturgegeben erscheinen zu lassen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der „Mythos der Moderne“. Nach dieser Erzählung führt uns seit 500 Jahren die europäische, kapitalistische Moderne heraus aus den Finsternissen der Vorzeit und hinein in eine Welt aus Licht, Wohlstand, Demokratie und Frieden. Die Kette von Völkermorden, Sklaverei und immer vernichtenderen Kriegen, die mit der europäischen Expansion rund um den Globus verbunden war, erscheint dabei lediglich als eine Reihe von Ausrutschern eines im Ganzen segensreichen Zivilisationsprozesses. Heute, wo die Fortführung dieses Systems zur Auslöschung der Menschheit oder gar zur Vernichtung des Lebens auf der Erde führen kann, ist die Demontage dieser Mythologie entscheidend für die Entwicklung eines neuen Narrativs für eine überlebensfähige Gesellschaft. Das bedeutet allerdings nicht, wie kurdische Aktivistinnen immer wieder betonen, alles abzulehnen, was im Laufe der letzten 500 Jahre erfunden wurde. Die Stärke der kurdischen Bewegung besteht gerade darin, dass sie radikale, an die Wurzeln gehende Analysen mit einem sehr bodenständigen Pragmatismus verbindet.

Die Tyrannei des linearen Denkens

Im Laufe der Geschichte haben die ersten drei Tyranneien eine weitere hervorgebracht: die Tyrannei des linearen Denkens. Lineares Denken beruht auf der Annahme, dass die Welt nach vorhersagbaren und berechenbaren Gesetzen von Ursache und Wirkung beruht und daher  mittels Wissenschaft und Technik unterworfen und beherrscht werden kann. Der Mensch tritt an die Stelle eines allmächtigen Gottes, während die Natur zu einer bloßen Ressource degradiert wird. Die Anwendung dieses Denkens auf lebende Systeme hat eine Verwüstungsspur auf dem Planeten hinterlassen. Die industrielle Landwirtschaft ist ein Beispiel dafür. Sie basiert auf dem linearen Konzept von Output- und Profitmaximierung, Schädlingsbekämpfung und Grundwasserextraktion. Das Ergebnis sind ausgelaugte Böden und erschöpfte Wasserressourcen, langfristig sinkende Erträge und multiresistente Schädlinge. Die kurdische Revolution hat damit begonnen, diese vierte Tyrannei sowohl intellektuell als auch in der Praxis anzugehen. Trotz der enormen Schwierigkeiten durch Krieg und ökonomische Isolation haben landwirtschaftliche Kooperativen damit begonnen, die industrielle Landwirtschaft in ökologische Produktionsmethoden zu konvertieren, die auf Kreislaufprinzipien und der Kooperation mit lebenden Systemen beruhen – und nicht auf der Idee, die Natur zu beherrschen.

Widersprüche

Natürlich ist das Transformationsprojekt in Rojava voll von Widersprüchen. Die Ölförderung zum Beispiel wird in der Region fortgesetzt, obwohl die Bewegung einen ökologischen Wandel anstrebt. Erdöl wird sowohl für den internen Gebrauch benötigt als auch für den Export, um essentielle Importe zu finanzieren. Ein anderer Widerspruch besteht darin, dass die kurdische Unabhängigkeitsbewegung – obwohl sie alle Formen der Herrschaft und besonders das Patriarchat herausfordert – eine männliche Führungsfigur hat: Abdullah Öcalan. Allerdings wäre es ohne die Schriften von Öcalan sehr schwer gewesen, eine kohärente Strategie und Praxis in Kurdistan zu entwickeln. Die Lektion, die sich aus all diesen Widersprüchen lernen lässt, lautet, dass es in der Welt, wie sie ist, keine Lösungen ohne Widersprüche geben kann. Jede Lösung muss sich aus den lokalen Gegebenheiten und historischen Prägungen entwickeln, auf sie antworten und sich an sie anpassen.

Rojava verteidigen

Das kurdische Autonomieprojekt ist in akuter Gefahr. Nach der brutalen Invasion der türkischen Armee in Afrin 2018 und Rojava in diesem Herbst – mitsamt der folgenden „ethnischen Säuberungen“ – drohen weitere türkische Übergriffe. Westliche Regierungen haben die Türkei trotz der Invasionen weiter mit Waffen beliefert, die gegen Kurden eingesetzt werden, zum Beispiel deutschen Leopard-Panzern und britischen Hubschraubern. Gleichzeitig hindern dieselben Regierungen die Volksverteidigungseinheiten (YPG) daran, Waffen zu beschaffen, um die kurdische Bevölkerung vor einem möglichen Genozid der türkischen Truppen und ihrer islamistischen Söldner zu schützen.

In dieser Lage ist internationale Unterstützung für Rojava entscheidend. Weitere Waffenlieferungen an die Türkei und die andauernde Wartung dieser Waffen durch die NATO müssen beendet werden. Wenn die Unverletzlichkeit von Territorien und Menschenrechten den westlichen Regierungen so heilig ist, wie sie immer behaupten, dann sollte die türkische Aggression massiven Widerstand und Sanktionen zur Folge haben. Rojava zu verteidigen, bedeutet, die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft zu verteidigen – auf einem Planeten, der Hoffnung bitter nötig hat.

 

Dieser Beitrag ist in einer Langfassung in dem Buch „Das freie Leben aufbauen: Dialoge mit Abdullah Öcalan“ enthalten, das im Oktober 2019 im Unrast Verlag erschien.

Die Englische Fassung "Building Free Life" erscheint Anfang 2020 bei PM Press.

Einen internationaler Aufruf von Akademikern und Künstlern zum Boykott von Institutionen, die von der türkischen Regierung finanziert werden, findet sich hier: https://boycott-turkey.net. Unterzeichnet haben bisher u.a.: Noam Chomsky, David Graeber, Brian Eno, John Holloway und Saskia Sassen.

Auf einen weiteren Aufruf zur Verteidigung von Rojava, unterzeichnet u.a. von zahlreichen UmweltaktivistInnen wie LaDonna Brave Bull Allard, hat der Guardian hingewiesen.