06.12.2009

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Klimaexperte Hartmut Graßl über gefährliche Kippelemente im Klimasystem und die Folgen eines Abschmelzens der Eisdecke Grönlands

Das Klimasystem der Erde nähert sich Schwellen, jenseits derer unumkehrbare Prozesse in Gang kommen. Der international renommierte Klimaforscher Hartmut Graßl vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie erläutert die Folgen, die ein Abschmelzen Grönlands für Küstenbewohner auf der ganzen Welt hätte, und die Risiken, die mit einer Freisetzung sogenannter Methanhydrate aus Ozeanen und Permafrostböden verbunden sind.

Gäste: 

Prof. Dr. Hartmut Graßl, Klimaforscher, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Universität Hamburg

Transkript: 

Fabian Scheidler: Während die Erwartungen an ein wirkungsvolles Klimaabkommen in Kopenhagen in den letzten Monaten immer weiter gesunken sind, zeigen die neuesten wissenschaftlichen Studien, dass der Klimawandel deutlich schneller voranschreitet als erwartet. Ein kürzlich erschienener Bericht der UN-Umweltorganisation UNEP stellt fest, dass das Arktis-Eis und die Eisdecke Grönlands deutlich schneller schmelzen als bisher erwartet und es zu einem Meeresspiegel-Anstieg von bis zu zwei Metern bis 2100 kommen könnte – der UN-Klimarat ging 2007 noch von einem Maximum von ca. 90 Zentimetern aus.

Der Bericht warnt außerdem davor, dass „das Abschmelzen von Gletschern in gemäßigten und tropischen Zonen die Trinkwasserversorgung (…) von 20 bis 25 Prozent der Weltbevökerung beeinträchtigen könnte.“ Das ist etwa eine Milliarde Menschen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen 26 hochkarätige Klimawissenschaftler, die kurz vor dem Gipfel unter dem Titel „Copenhagen Diagnosis“ eine Zusammenfassung jüngster Forschungsergebnisse vorgestellt haben. Der Bericht folgert, dass die globalen Emissionen in spätestens fünf bis zehn Jahren ihren Gipfel überschritten haben und anschließend schnell abnehmen müssen, damit die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels vermieden werden können.

Als Gast bei uns möchte ich nun Prof. Hartmut Graßl aus Hamburg begrüßen. Er war lange Zeit Direktor des Max-Planck-Institus für Meteorologie in Hamburg, außerdem Vorsitzender des Wissenschaftichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und Leiter des Weltklimaforschungsprogramms der UN. Willkommen bei Kontext. Herr Graßl, In den Klimawissenschaften ist oft von so genannten Kipp-Elementen oder gefährlichen Kipp-Punkten im Erdsystem die Rede. Was ist damit gemeint?

Hartmut Graßl: Damit ist gemeint, dass, wenn eine bestimmte mittlere globale Erwärmung überschritten wird, Prozesse anlaufen, die dann für menschliche Zeitskalen unumkehrbar einen neuen Zustand des Klimasystems provozieren, der weit vom heutigen entfernt ist, was natürlich in allen Regionen dieser Welt wesentliche zusätzliche Schäden verursachen wird. Es geht dabei um Prognosen, zum Beispiel dass das Weltsozialprodukt um fünf Prozent schrumpft oder noch mehr, je nachdem welche Gruppe der Wirtschaftswissenschaftler man ansieht. Und das soll auf jeden Fall vermieden werden. Beispiele könnte ich viele geben. Wir haben eines schon angesprochen, nämlich das Abschmelzen Grönlands, aber auch das westantarktische Eisschild, das zerfallen kann, weil es unter dem Meeresspiegel verankert ist. Also es gibt Stellen, wo dieses Eisschild 400 Meter unter der Meeresoberfläche noch existiert. Und der steigende Meeresspiegel könnte es zum Aufschwimmen und zum Zerbrechen bringen. Allerdings nicht in Jahren sondern in Jahrhunderten. Aber wer will schon, zum Beispiel ich, die Stadt, in der er lebt an der Küste, ich komme aus Hamburg, untergehen sehen, weil Eis irreversibel über Jahrzehnte und Jahrhunderte abschmilzt.

David Goeßmann: Ein Kippelement haben Sie schon genannt: Das Abschmelzen der Eisdecke Grönlands schreitet schneller als erwartet voran. Schmilzt das gesamte Eis, würde dies einen Meerespiegelanstieg von 7 Metern bedeuten. Was wären die Folgen?

Hartmus Graßl: Das kann eigentlich jeder Laie verstehen, dass bei sieben Meter Meeresspiegelanstieg Hamburg in den Marschniederungsteilen der Vergangenheit angehört und Städte wie Kalkutta gänzlich der Vergangenheit angehören. Es gibt daher viele viele Millionen Menschen, die dann wandern müßten. Leider gibt es keinene Platz mehr, wo sie hinwandern könnten. Da sitzen ja schon viele. In dieser Welt mit jetzt knapp sieben Milliarden Menschen, demnächst neun Milliarden Menschen etwa im Jahr 2050 wird das erreicht sein, ist kein Platz mehr für große Völkerwanderungen. Deshalb ist es so drängend.

Fabian Scheidler: Eine kürzlich vom World Wildlife Fund veröffentlichte Studie warnt davor, dass die Erderwärmung zu einer massiven Freisetzung von Methanhydraten aus Permafrostböden in Sibirien und aus den Ozeanen und damit zu unkontrollierbaren Verstärkungen der Erderwärmung führen könnte. Was hat es damit auf sich?

Hartmut Graßl: Methanhydrate sind nur existent, wenn der Ozeanboden sehr kalt ist, das ist er fast weltweit, oder Permafrostböden existieren, in denen sich bei Temperaturen unter vier Grad Celsius oder im Falle des Permafrostes bei Temperaturen unter Null Grad Celsius solche Methanhydrate halten können. Erwärmt sich ein entsprechendes Gebiet heißt das, es wird Methan freigesetzt, ein Teil davon wird in die Atmosphäre entweichen können und damit den zusätzlichen Treibhauseffekt, den wir ja schon kräftig angeheizt haben, noch weiter verstärken. Momentan ist das nicht richtig sichtbar, weil die beiden Reservoire, um die es geht, nämlich die Methanhydrate am Ozeanboden und die im Permafrost, nur sehr langsam darauf reagieren, weil die Erwärmung nur sehr niedrig ist am Ozeanboden bisher, das dringt sehr langsam ein. Aber dort ist es ähnlich wie bei der Debatte um das Grönlandeis: Wenn es mal begonnen hat, ist das für menschliche Zeitskalen wieder unumkehrbar. Und es ist eine globale Wirkung, weil ja das Treibhausgas, das sich weltweit verbreitet, massiv die Erwärmung noch mit anheizt.

David Goeßmann: Noch immer gibt es einige Leute, die sagen, dass es keinen vom Menschen gemachten Klimawandel gebe, sondern nur natürliche Schwankungen – und im übrigen eine Verschwörung von Klimawissenschaftlern. Was würden sie ihnen antworten?

Hartmut Graßl: Ich halte das für Scharlatanerie. Denn das, was jetzt vor Kopenhagen ganz gezielt hochgetrieben wird von den sogenannten Skeptikern, das kennen wir ja schon vom Kyoto-Protokol. Damals haben große Firmen sehr viel Geld in eine Werbekampagne gesteckt gegen das Kyoto-Protokol. Ich war damals beteiligt an dem berühmten Satz, der dieses Protokol verursacht hat. Der heißt: “The balance of evidence suggests the discernable human influence on global climate.” (Alle Befunde zusammen deuten auf einen erkennbaren Einfluss des Menschen auf das globale Klima hin.) Dieser Satz ist die Summe aus 612 Seiten Bericht gewesen und wir hatten, zwölf Wissenschaftler, die Aufgabe, an einem Abend im Jahr '95 diese 612 Seiten in eine Überschrift und einen kleinen Paragraphen zu kondensieren. Als der bekannt wurde, haben die Skeptiker, so ähnlich wie sie es jetzt wieder machen, einen der Autoren, Benjamin Santer, den jüngsten unter uns, angeklagt, er habe den Bericht bewußt nach einem Plenum des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen gefälscht. Und jetzt wird Phil Jones und anderen vorgeworfen, dass sie auch gefälscht haben. Diesmal ist es etwas ernster, weil sie persönliche E-Mails, in denen man gelegentlich auch persönliche Emotionen preisgibt, gefischt haben. Und schon haben einige Länder gesagt: “Seht da, es gibt ja gar keinen eindeutig bewiesenen Zusammenhang zwischen der jetzt beobachteten Erwärmung und der veränderten Zusammensetzung der Atmosphäre.” Das ist gefundenes Fressen für Saudi Arabien und andere Länder. Aber damit müssen sie rechnen. Und ich bin ziemlich sicher, unsere europäischen Regierungen gehen solchem Dreck nicht auf den Leim.

Fabian Scheidler: Danke Professor Graßl, dass Sie aus Hamburg gekommen sind. Wir kommen nun zu unseren nächsten Gästen.