06.12.2009

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Rob Hopkins, Begründer der Transition-Town-Bewegung, über Peak Oil und die Dynamik von über 200 Transition-Town-Projekten weltweit

Der Gedanke ist einfach: Eine lokale Wirtschaft ist nachhaltiger, umweltfreundlicher und zudem widerstandsfähiger gegenüber ökonomischen Außenschocks. Die Transition-Town-Bewegung hat sich dieses Prinzips verschreiben und betreibt eine Art Klimaschutz von unten. Sie will die Bürger animieren, die Umgestaltung ihrer Kommunen selbst in die Hand zu nehmen, um auf das Ende des Ölzeitalters und den Klimawandel zu reagieren. Statt von Konzernen dominiert zu werden sollen die Städte wieder in die Lage versetzt werden, ihre Lebensmittel, Energie oder Baumaterialien regional und selbständig zu produzieren.

Gäste: 

Rob Hopkins, Gründer der Transition-Town-Bewegung

Transkript: 

David Goeßmann: Wir haben in der Sendung über die Folgen des Klimawandles und über politische Konflikte und Lösungswege gesprochen. Aber auch jenseits der offiziellen Politik sind die Bürger selbst aktiv, organisieren sich, um auf den Klimawandel zu reagieren. Ein Beispiel dafür ist die Transition Town Bewegung.

2005 ging der irische Wissenschaftler Rob Hopkins zusammen mit seinen Studenten in Kinsale der Frage nach, was eine Kommune tun kann, um auf Resourcenknappheit und Klimawandel zu reagieren. Der Permakulturforscher Hopkins entwickelte daraus nachhaltige Formen des Lebens. Am Ende stand ein Konzept, dass er Transition Town nannte, die Energiewendestadt. Heute gibt es weltweit über 250 Transition Towns von Australien über England bis nach Amerika. Vor gut einem Jahr startete die erste deutsche Energiewendestadt im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Der Erfolg der von Rob Hopkins initiierten Transition Town Bewegung ist enorm. Die Prinzipien hat der Permakultur-Aktivist in seinem Buch “Transition Handbook”, dem “Energiewende-Handbuch” entwickelt. Hopkins argumentiert: Wenn das Öl immer weniger wird und sich die Erde weiter erwärmt, hilft nur eine Klimawende von unten: Die Bürger dürften sich nicht auf die Politik verlassen. Sie müssten selber aktiv werden und ihre Kommunen umkrempeln.

Rob Hopkins arbeitet an der Plymouth University in England, ist Autor einer Reihe von Büchern zur Energiewende und zu Permakultur. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den “2009 Observer Ethical Award”. Die britische Tageszeitung “The Independent” wählte ihn zu einem der wichtigsten hundert Umweltschützer in Großbritannien.

Wir konnten vor der Sendung mit Rob Hopkins in England per Video-Schaltung sprechen.

David Goeßmann: Rob Hopkins, schön Sie in unserer Sendung zu haben. Vielleicht erzählen Sie uns einmal was Transition Towns eigentlich sind und was sie zu tun haben mit der Ölverknappung, dem sogenannten Peak Oil, und dem Klimawandel.

Rob Hopkins: Die Transition Bewegung basiert auf der Idee, dass man Leute nicht dazu bringt, sich angesichts von Peak Oil und Klimawandel zu engagieren, indem man sie in Panik versetzt oder mutlos macht. Ihnen ein Flugblatt mit schrecklichen Sachen darauf in die Hand drückt und dann erwartet, sie würden aktiv werden. Vielleicht aber läßt sich etwas bewegen, wenn wir uns den Optimismus zu nutze machen. Das könnte dann dazu führen, die Dinge komplett neu zu sehen. Anstatt also auf den Klimawandel und die rasante Ölverknappung als eine Katastrophe und ein Disaster zu schauen, können wir diese Phänomene als Chance sehen, unsere Lebenseinstellungen zu überdenken. Schaut man nur auf Peak Oil, als das absehbare Ende der Ölresourcen, dann resultiert daraus die Suche nach neuen flüssigen Energieträgern. Schaut man nur auf Klimawandel, dann konzentriert man sich schlicht auf technische und ökonomische Lösungen usw. Bringt man beide Dinge zusammen, dann entsteht eine gemeinsame Mitte. Und dort geht es dann um etwas Neuen, das zu planen und organisieren wäre, nämliche die ökonomische Schrumpfung und Regionalisierung, den Wiederaufbau unsere lokalen Märkte. So könnten wir einen großen Teil unserer Bedürfnisse stärker lokal befrieden, natürlich nicht alle, aber sehr viele. Damit wird unsere Wirtschaft widerstandsfähiger und flexibler. Auf der einen Seite werden wir ökonomisch zulegen müssen, um eine Infrastruktur für erneuerbare Energien aufzubauen, auf der andern Seite müssen wir unseren Energieverbrauch runterfahren. Wir argumentieren, dass im aktuellen ökonomischen Kontext der Ansatz, lokale Wirtschaftsformen wieder aufzubauen und den Nahrungsmittelbedarf und Baumaterialen vor Ort zu organisieren, weit mehr geeignet ist, die lokalen Märkte zu stimulieren, als wenn weiter gemacht wird wie vor der Krise.

Fabian Scheidler: Wie funktionieren Transition Towns? Was wird dort getan, um nachhaltig zu leben? Was passiert zum Beispiel in der Stadt Totnes, wo alles begann?

Rob Hopkins: Transition funktioniert nicht als fertiger Instrumentenkasten. Es ist ein Katalysator, ein Beschleuniger. Er soll Leute in einen Prozeß mitnehmen, der sich als historisch, gemeinschaftlich und selbstorganisierend empfindet und offen ist für ein breites Spektrum der Bevölkerung. Es hat also weniger zu tun mit dieser klassischen Aktivisten-Kultur, die manche Menschen abschreckt. Der Prozeß hat gerade begonnen und soll erst einmal Aufmerksamkeit erzeugen, er ist erfinderisch, macht Spaß und ist positiv ausgerichtet. Von da aus starten die Gemeinschaften und Kommunen konkrete Projekte und Ideen. Diese Projekte können sich mit Energie beschäftigen, mit lokalen Wirtschaftsformen mit Bezug auf Nahrungsmittel oder neuen Geldwährungen usw. Es gibt sehr viele Dinge, die stattfinden und Transition ist von Ort zu Ort unterschiedlich. In Totnes, einer kleinen Stadt hier in England, ist schon eine Reihe von Projekten gestartet. Wir haben eine Regionalwährung, die unsere lokale Wirtschaft belebt, wir errichten ein von uns, den Bürgern, selbst gegründetes und betriebenes Energieunternehmen, wir sind dabei Land zu erwerben, um darauf Gemüse und Obst anzubauen und wir zeigen den Leuten, wie das geht. Wir haben außerdem ein nachhaltiges Bauunternehmen gegründet, wir wollen mitten in der Stadt ein Grundstück erwerben, um daraus ein Gründerzentrum für klimafreundliche Innovationen zu machen. Ein zentrales Projekt ist der von uns so genannte “Energiesparplan”, ein Plan B, ein Niedrigkohlenstoff-Plan für die Stadt, um auf den Klimawandel zu reagieren und unseren Ölverbrauch zu reduzieren. Dieser Plan ist so gut wie fertig. Also es handelt sich um einen die ganze Kommune erfassenden Prozess, in dem es um Brainstorming, Fantasieren, Ideenaustausch geht, der in praktischen Anwendungen mündet.

David Goeßmann: Erklären Sie uns einmal den Begriff Resilienz, ein zentraler Begriff für die Transition Bewegung. Warum ist es so wichtig, resilient zu werden?

Resilienz bezieht sich auf die Fähigkeit eines Systems, sei es nun ein Individuum oder eine Gemeinschaft, Schocks von außen zu widerstehen. Also wenn ein resilientes System unter Schock gerät, fällt es nicht gleich zusammen in Einzelteile. Ein Beispiel: Im Jahr 2000 streikten hier in England unsere LKW-Fahrer. Über mehrere Tage fuhren keine LKWs. Schnell wurde klar, dass dieses Land unmittelbar vor einer gravierenden Nahrungsmittel-Krise stand. Die örtlichen Nahrungsmittelstrukturen, die Verbindungen zwischen den Siedlungen und Ortschaften und den Bauernhöfen der Umgebung waren in weiten Teilen zerstört, nur wenige Menschen bauen selber an, lagern noch Obst und Gemüse. Die Fähigkeit von Siedlungen und Ortschaften, Schocks auszuhalten, ist weit geringer als in der Vergangenheit. Die Menschen betreiben keine Gärten, es gibt keine lokale Nahrungsmittelversorgung mehr. Das Zeitalter von billigem Öl hat es uns erlaubt, solche Dinge als altmodisch abzutun. Wir haben sie schlicht in den Mülleimer der Geschichte geworfen. Resilienz bedeutet also, unsere Siedlungen flexibler, baukastenähnlich aufzubauen, angpasst an ihre spezifischen Bedürfnisse. Die Orte sind natürlich weiter miteinander verbunden untereinander, aber nicht in einer absoluten gegenseitigen Abhängigkeit voneinander. Wir denken, dass die Idee der Resilienz vielleicht das wichtigste Element von Nachhaltigkeit ist. Denn mit Blick auf Kohlenstoff kann man die CO2-Emissionen einer Stadt halbieren, aber in keiner Weise seine Widerstandsfähigkeit erhöhen und seine Fähigkeit stärken, Außenschocks zu widerstehen. Daher sagen wir, dass der Aufbau von Resilienz die gleiche Stellung erhalten sollte wie die Reduktion von Kohlenstoff. Insbesondere im Hinblick auf Peak Oil. Wir sehen, dass der Gedanke der Widerstandfähigkeit immer stärker ins öffentliche Bewußtsein kommt. Oft geht es dann aber nur darum, wie sich eine Stadt nach einem Schock wieder in den alten Zustand bringen kann. Wir verstehen unter Resilienz aber, den Schock zu benutzen, um eine soziale Lebensform aufzubauen, die wesentliche stärker, anpassungsfähiger ist als die alte.

Fabian Scheidler: Viele Menschen glauben, dass großtechnische Lösungen - wie z.B. die Kohlenstoffabscheidung - uns vor einem Klimadesaster bewahren werden. Was ist ihre Meinung dazu?

Rob Hopkins: Wir haben zu spät mit diesen Dingen begonnen. Manche Menschen denken, dass wir in zehn Jahren eine magische Technologie entwickelt haben werden, die alle Probleme löst, so dass wir nichts tun müssen. Jemand erfindet kalte Kernfusion oder entdeckt eine unglaubliche Energiequelle. Ich denke, wir kommen nicht um die Schlussfolgerung herum, dass der derzeitige Energieverbrauch nicht durch alternative Energieträger befriedigt werden kann, wiewohl diese alternativen Energien uns trotzdem unterstützen können, ein glückliches Leben zu führen. Das billige Öl hat uns erlaubt, eine enorme Anzahl von Dingen zu tun. Aber es hat uns zugleich unglaublich verschwenderisch und ineffizient gemacht. In Großbritanien schmeißen wir die Hälfte der Nachrungsmittel weg, die wir anbauen. Und die Menge an Energie, die wir verschwenden, ist einfach scheußlich. Ich denke nicht, dass es eine magische technologische Lösung insbesondere in diesem derzeitigen ökonomischen Klima gibt. Auch wenn es so etwas gäbe, ist es sehr fraglich, wie wir uns das leisten könnten. Wir sollten die Technologien, die wir ja haben, so schnell wie möglich anwenden und zugleich deutlich mit dem Verbrauch runter gehen. Technologie hat seinen Platz, aber Technologie muss angemessen sein, sie muss verstanden werden von den Menschen in den Kommunen, die sie nutzen, und sie sollte einfach zu produzieren sein.

David Goeßmann: Das war Rob Hopkins, Gründer der Transition Town Bewegung.

Fabian Scheidler: Das war die Pilotsendung von “Kontext – die anderen Nachrichten” zum Weltklimagipfel in Kopenhagen. Wir bedanken uns bei unseren Gästen im Studio. Unser herzlicher Dank geht auch an all die, die diese Sendung erst möglich gemacht haben. Das sind:

David Goeßmann: Das Team von ALEX TV

Fabian Scheidler: Hans-Joachim Maempel und Peter Sonntag

David Goeßmann: Irmhild Gumm, Irek Krett und Nicola Schmidt

Fabian Scheidler: Fiona Krakenbürger, Matthias Schwarz, Ilka Teichmüller

David Goeßmann: Mathias Hohmann und Christian Niemitz-Rossant. Im Studio verabschieden sich

Fabian Scheidler und David Goeßmann.

Fabian Scheidler: Weitere Informationen zum Medienprojekt Kontext finden Sie auf unserer Homepage www.kontext-tv.de. Machen Sie es gut. Bis zur nächsten Sendung.