03.01.2013

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„Zivile“ Atomkraft war auch in Deutschland und Schweden ursprünglich mit Option zum Bau von Atombomben verbunden

Die Nutzung von Kernkraft zur Energiegewinnung sei in vielen Ländern weltweit eng mit der Option zur Entwicklung von Atomwaffen verknüpft, so Alyn Ware. Auch die Atomprogramme von Deutschland und Schweden sollten ursprünglich die Möglichkeit zum Bau der Bombe offen halten – bevor beide Länder 1969 davon Abstand nahmen. Aber auch für die zivile Nutzung sei Atomkraft die größte denkbare Fehlinvestition: Sie sei teuer und berge unkalkulierbare ökologische und gesundheitliche Risiken.

Gäste: 

Alyn Ware, Mitglied des Weltzukunftsrates und Weltweiter Koordinator des Parlamentarischen Netzwerkes für Nukleare Abrüstung und Nichtverbreitung (PNND), Träger des „Alternativen Nobelpreises“

Transkript: 

Theresia Reinhold: Können Sie uns bitte etwas über die Verbindung zwischen Nuklearen Waffen und Nuklearer Energie erzählen?

Alyn Ware: Wenn man Atomenergie entwickelt, entwickelt man großenteils die gleiche Technologie und arbeitet teilweise mit den gleichen Materialien, die man benötigt um eine Atombombe herzustellen. Die Reaktion ist die gleiche. In einem Atomreaktor werden Atome gespalten - in einer Atombombe werden Atome gespalten. Die Materialien sind die gleichen: Uran oder Plutonium. Diese Materialen werden durch den nuklearen Prozess produziert. Uran ist der Treibstoff für einen nuklearen Reaktor und das Abfallprodukt ist Plutonium. Beide kann man benutzen um eine Atombombe herzustellen. Dort liegt die direkte Verbindung zwischen der Herstellung von Atomenergie und Atomwaffen. Wenn ein Staat also Atomenergie besitzt ist er einen großen Schritt voraus.
Nukleare Energie bedeutet unglaubliche gesundheitliche und ökologische Risiken und ist wahnsinnig teuer. Aber Regierungen ignorieren das oft, damit sie die Möglichkeit haben, Atomwaffen herzustellen, wenn sie dies wollen. Nicht alle tun das. Einige haben sich tatsächlich umentschieden und erklärt, dass sie keine nuklearen Waffen anstreben. Zum Beispiel Deutschland. Ursprünglich war es interessiert daran Atomwaffen herzustellen und das Atomenergieprogramm war damit verbunden. Genauso in Schweden. Beide Länder werden keine nuklearen Waffen herstellen, aber sie sind in dieses schlechte System eingebunden. Und in beiden Ländern entstanden große Debatten darüber, wie sie aus der Atomenergie aussteigen können. In Deutschland ist die Debatte weiter fortgeschritten. Schweden entschied sich zunächst für einen Ausstieg, stoppte den Ausstieg aber und bewegt sich nun hin und her. Man muss in die Atomtechnik sehr viel Geld investieren, und manchmal ist es schwierig zuzugeben, dass es sich um eine Fehlinvestition handelte, wenn man so viel investiert hat, eine sehr gefährliche und vergiftende Fehlinvestition, die Größte von allen. Aber  viele Länder fahren ihre Atomenergieprogramme herunter wegen der damit verbundenen Risiken, wie die Schweiz zum Beispiel. Die Philippinen eröffneten niemals ihren Kernreaktor, nachdem er gebaut wurde, wegen des Risikos. Nachdem die Diktatur beendet wurde, gab es auch kein Interesse mehr daran, Atomwaffen herzustellen. Das sind einige der Verbindungen.
Ein Grund warum Menschen oder Länder weiterhin an Atomwaffen festhalten oder warum Menschen diese immer noch unterstützen besteht darin, dass sie nach wie vor im Rahmen des 20. Jahrhunderts denken. Sie denken, dass Staaten ihre Grenzen mit Waffen verteidigen müssen, damit andere Länder sie nicht angreifen. Dieses Konzept ist überholt. Die Welt ist nicht geteilt in einzelne Einheiten, die sich selbst erhalten. Wir leben in einer miteinander verbundenen Welt. Unsere Finanzsysteme sind verbunden, unsere Kommunikationssysteme sind verbunden, unsere Handelssysteme sind verbunden, sogar unsere Gesundheitssysteme. Wenn man heute an einem Virus erkrankt, kann dieser um die Welt gehen. Wir müssen bei all diesen Themen auf globaler Ebene zusammenarbeiten. Nukleare Waffen passen nicht in dieses Bild. Gegen was verteidigen wir uns? Er ist verrückt, dass wir sie immer noch haben. Aber die Menschen fühlen nach wie vor Angst, sie denken "Was wäre wenn? Was wäre wenn ein Staat uns angreift?" Wir verstehen nicht wie wahnsinnig das wäre, denn es würde dem angreifenden Land mehr schaden, als dass es Gewinne bringen würde. Aber trotzdem denken viele: „Was wäre wenn?" Also vertrauen sie auf diese Idee. Tatsächlich aber haben wir sehr viele Mechanismen, um solche Probleme zu lösen, um Konflikte zwischen Staaten zu lösen, mit Aggressionen umzugehen ohne nukleare Waffen benutzen zu müssen, oder generell das Militär. Wir haben zum Beispiel den Internationalen Strafgerichtshof und den Internationalen Gerichtshof zum Lösen von Disputen zwischen Staaten, wir haben einen Sicherheitsrat, der Friedenstruppen einsetzen kann, um Vereinbarungen zwischen Staaten aufrechtzuerhalten, falls man dem jeweils anderen Staat nicht zutraut, dass dieser sich an die Vereinbarungen hält. Wir haben noch weitere Mechanismen um damit umzugehen. Wir brauchen nicht auf militärische Kräfte oder Atomwaffen zu setzen, um die Probleme in der Welt zu lösen.