05.12.2012

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Fossile Brennstoffindustrie steuert Planeten auf Klimakatastrophe zu

Während die USA dieses Jahr Hitzerekorde, Dürren und beispiellose Hurrikans wie Sandy erlebten, prognostiziert Bill McKibben bis zum Ende des Jahrhunderts weitere drastische Schäden durch den voranschreitenden Klimawandel. Die Frage sei nur noch, wie groß der Schaden sei. In einem weit verbreiteten Rolling-Stone-Artikel rechnete McKibben zudem vor, dass die fossile Brennstoffindustrie 2800 Gigatonnen Kohlendioxid in Form von Gas, Kohle und Öl in ihren Büchern eingepreist habe und plane sie zu verbrennen. Wenn das geschehe, sei das Ende des Planeten, so wie wir ihn kennen, vorgezeichnet, sagt McKibben. Die globale Klimabewegung 350.org versucht mit einer "Divestment-Kampagne" – wie einst gegen das Apartheidsregime in Südafrika – die Brennstoffindustrie daran zu hindern.

Gäste: 

Bill McKibben: Umweltjournalist und -aktivist, Gründer der Klimabewegung 350.org, Autor von "Das Ende der Natur", Middlebury, USA

Transkript: 

Fabian Scheidler: Willkommen bei Kontext TV. Diesen Sommer erlebte der Mittlere Westen der USA die schwersten Dürren seit 70 Jahren. Die Folge waren Ernteausfälle, die die globalen Nahrungsmittelpreise ansteigen ließen. Die Waldbrände in Oklahoma als auch die Hurrikans an der Ostküste erreichten neue Rekorde. 2012 ist das wärmste je gemessene Jahr in den Vereinigten Staaten.

David Goeßmann: Die Hitzewelle im Sommer kostete dutzende Amerikaner das Leben. Doch trotz der alarmierenden Situation tauchte das Wort Klimawandel oder Klima nicht ein einziges Mal in den TV-Debatten zwischen Obama und Romney auf. Die Präsidentschaftskandidaten überboten sich vielmehr, wer zukünftig mehr fossile Brennstoffe aus dem amerikanischen Boden fördern werde.

Fabian Scheidler: Unser Gast Bill McKibben ist prominenter Buchautor und Umweltaktivist in den USA. Sein 1989 erschienener Bestseller "Das Ende der Natur"  gilt als das erste Buch über den Klimawandel für ein breites Publikum. Weltbekannt wurde McKibben als Gründer der internationalen Klimawandelbewegung 350.org. Time Magazine nannte McKibben einmal den "besten grünen Journalisten des Planeten". Kontext TV hat Bill McKibben im August in seinem Büro am Middlebury College in Vermont besucht.

David Goeßmann: Dieses Jahr fanden extreme Wetterereignisse in den USA statt, vom Hurrikan Debby, den Hitzerekorden im Sommer, den Waldbränden in Colorado und Hurrikan Irene. Was sagt das über den Stand des Klimawandels?

Bill McKibben: Die USA bekommen diesen Sommer einen kleinen Vorgeschmack, wie sich die frühen Klimaveränderungen auswirken werden. Wie Sie wissen haben wir die Erdtemperatur bereits um etwa ein Grad erhöht. Das ist genug, um sehr große, grundlegende Veränderungen in Gang zu setzen. Das arktische Eis ist um 40% zurückgegangen, die Ozeanversauerung hat um 30% zugenommen und die Atmosphäre ist etwa 5% feuchter, da Warmluft mehr Wasserdampf aufnehmen kann als kalte Luft. Das ist die Ursache für diese Dürren und Überschwemmungen. Irgendwo kommt es immer zu einem Extremwetterereignis, ob in Pakistan 2010 mit schrecklichen Überschwemmungen oder in Russland mit einer außergewöhnlichen Hitzewelle und Trockenheit im Sommer 2010 und so weiter. Diesen Sommer sind die Vereinigten Staaten an der Reihe und die Vorfälle, die wir landesweit beobachten, sind außergewöhnlich. Wir glauben derzeit, dass 50% der Getreideernte des fruchtbarsten Getreidegürtels der Welt als schlecht oder sehr schlecht eingestuft werden müssen. Es kann nicht gedeihen, es ist zu warm, es wächst einfach nicht. Und das bei einem Grad Temperaturanstieg. Die gleichen Wissenschaftler, die uns gewarnt haben, dass dies passieren wird, sagen uns jetzt, dass aus einem Grad im Handumdrehen vier bis fünf Grad werden können, es sei denn, wir steigen zügig aus den fossilen Brennstoffen aus, schneller als irgendeine Regierung das derzeit plant.

David Goeßmann: Was würde das bedeuten?

Bill McKibben: Vier oder fünf Grad wären wie in einem Science Fiction Film. Vielleicht nicht sofort die Hölle, aber die Temperaturen wären ähnlich.

David Goeßmann: In einem Artikel für das Magazin Rolling Stone sprechen Sie von den erschreckenden neuen Zahlen des Klimawandels. Worum handelt es sich da?

Bill McKibben: Sicher. Ich habe diesen Sommer einen Text für den Rolling Stone verfasst, der massiv im Netz verbreitet wurde, wohl der am meisten jemals verbreitete Text des Rolling Stone, und das obwohl es sich um einen eher technischen Text handelte. Der Grund dafür ist, dass der Artikel ein Dilemma auf den Punkt bringt, in dem wir stecken. Die Regierungen haben sich darauf geeinigt, dass die Temperatur nicht mehr als zwei Grad steigen sollte. Dieser Beschluss wurde von allen getragen, den Deutschen, den Amerikanern, den Chinesen, sogar von den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie haben alle zugestimmt. Wissenschaftler haben berechnet, wie viel Kohlendioxidemissionen wir uns noch leisten können, um noch unter der zwei Grad Grenze bleiben zu können und damit dem Klimachaos zu entgehen. Der deutsche Wissenschaftler Malte Meinhausen hat genau diese Berechnungen angestellt. Ungefähr 565 Gigatonnen zusätzlicher Kohlendioxid wäre nach diesen Berechnungen die Obergrenze. Das Problem ist, und das ist die neue, beängstigende Zahl, dass eine Gruppe Finanzanalysten in Großbritannien festgestellt hat, dass die fossile Brennstoffindustrie bereits etwa 2800 Gigatonnen Kohle, Gas und Öl in den Depots hat. Sie wissen, wo die fossilen Brennstoffe liegen, auch wenn sie noch im Boden sind. Ökonomisch gesehen sind sie aber bereits gefördert, denn sie bestimmen die Aktienkurse, die Brennstoffindustrie nimmt mit diesen Rohstoffen als Sicherheit Kredite auf. Diese Brennstoffe werden in die Atmosphäre gelangen, es sei denn, es gelingt uns die Industrie daran zu hindern. Die Schwierigkeiten, in denen wir stecken, sind also absolut real und weit entfernt, reine Theorie zu sein. Wir haben es schwarz auf weiß. Diese Rohstoffreserven wurden der US-Wertpapieraufsichtsbehörden und den anderen Finanzaufsichtsstellen in der Welt gemeldet. Sie haben ihnen gesagt, wie viel Gas, Kohle und Öl sie haben. Sie planen, den Planeten zu Grunde zu richten, und sie werden genau das tun, wenn wir sie nicht stoppen.

David Goeßmann: Wie könnten sie gestoppt werden?

Bill McKibben: Ich bin nicht sicher, ob wir sie stoppen können. Bei einer Wette würde man vermutlich darauf setzen, dass wir es nicht schaffen, aber wir werden es trotzdem versuchen - mit aller Kraft. 350.org, die erste wirklich große globale Graswurzel-Klimabewegung, versucht im Rahmen einer Kampagne Hochschulen, Kirchen und Pensionsfonds zu einer Veräußerung ihrer Beteiligungen an der fossilen Brennstoffindustrie zu bewegen. Wir hoffen, den Erfolg der Bewegung gegen die Apartheid in Südafrika vor 25 Jahren wiederholen zu können. Die Südafrikaner haben natürlich das größte Verdienst an ihrer Befreiung, aber als Nelson Mandela aus der Haft entlassen wurde, bedankte er sich bei amerikanischen Hochschulangehörigen für den wirtschaftlichen Druck, der auf südafrikanische Firmen ausgeübt wurde. Die Herausforderung vor der wir stehen ist sicherlich noch größer, aber wir werden es versuchen.

David Goeßmann: Das würde bedeuten, dass die fossile Brennstoffindustrie riesige Profite verlieren würde.

Bill McKibben: Ja, die fossile Brennstoffindustrie müsste auf Billionen Profit verzichten, aber in gewisser Hinsicht sind das erschlichene Profite. Man muss im Hinterkopf behalten, dass die fossile Brennstoffindustrie einen besonderen Vorteil hat, den kein anderer Industriezweig genießt: Sie müssen für ihren Abfall nicht bezahlen. Wenn man ein Restaurant in Berlin betreibt, wäre es sicherlich am günstigsten, wenn man seinen Müll zum Feierabend einfach auf die Straße kippt. Der Profit würde steigen, da alle Bratwurstreste einfach auf die Straße gekippt würden. Das ist natürlich keine gute Idee, da die Straße im Handumdrehen von Ratten wimmeln würde und man sich Pest oder sonst welche Krankheiten einfangen würde. Aus diesem Grund werden in zivilisierten Gesellschaften die Menschen dazu angehalten, ihren Müll selbst zu beseitigen. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Die fossile Brennstoffindustrie. Sie darf die Atmosphäre mit dem mittlerweile vermutlich gefährlichsten Müll - Kohlendioxid - ohne Konsequenzen verschmutzen. Und solange sich das nicht ändert, solange wir keine nationalen und internationales Abkommen treffen, die die fossile Brennstoffindustrie für den Schaden, den sie anrichten, finanziell zur Verantwortung ziehen, wird die Übergang zu erneuerbaren Energien sich viel schwerer gestalten als er eigentlich sein müsste.

David Goeßmann:
Sie haben die Organisation 350.org gegründet, benannt nach der oberen sicheren Grenze für die Konzentration für Kohlendioxid in der Atmosphäre. Der Planet ist schon bei über 390 Teilchen pro Millionen.

Bill McKibben: ...394, ja...

David Goeßmann: Was heißt das?

Bill McKibben: Das bedeutet, dass sie zu hoch ist, aber das brauche ich niemandem erzählen, man muss sich nur die Polkappen ansehen.

David Goeßmann: Wie könnten wir die Konzentration wieder absenken?

Bill McKibben: Wenn wir alles exakt richtig machen, wenn wir so schnell wie nur irgend möglich von den fossilen Brennstoffen loskommen, wird es immer noch bis zum Ende des Jahrhunderts dauern, bis wir wieder unterhalb 350 Teilchen pro Millionen liegen und bis dahin wird eine Menge Schaden angerichtet worden sein. Es gibt momentan keine Option, die Erderwärmung zu vermeiden. Die Fragen, die sich stellen sind: „Wie groß wird der Schaden sein?" und "Wie lange wird es dauern?“ Und deshalb versuchen wir bei 350.org alles, um diesen Schaden zu begrenzen.