05.12.2012

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Ölsande in Kanda: Ziviler Ungehorsam gegen Keystone XL Pipeline / Widerstand gegen die "Finanzmacht der reichsten Industrie" wächst

Die kanadischen Ölsande sind die zweitgrößte Kohlenstofflagerstätte der Welt. Würde das gesamte dort abbaubare Öl verbrannt, würde damit mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen als in der bisherigen Menscheitsgeschichte. Bill McKibben von 350.org organsiert gemeinsam mit Naomi Klein und Klimaforscher James Hansen Protestaktionen gegen die Keystone XL Pipeline, die die Ölsande mit den amerikanischen Raffenerien im Süden verbinden soll und damit den Abbau beschleunigen würde. Im letzten Jahr wurden bei einer Aktion zivilen Ungehorsams über 1200 Menschen vor dem Weißen Haus in Washington D.C. festgenommen, die gegen die Pipeline demonstrierten. Die Menschen in den USA seien zunehmend bereit, sich wie in der Bürgerrechtsbewegung mit ihrem Körper gegen die Zerstörung einzusetzen.

Gäste: 

Bill McKibben: Umweltjournalist und -aktivist, Gründer der Klimabewegung 350.org, Autor von "Das Ende der Natur", Middlebury, USA

Transkript: 

David Goeßmann: Sie engagieren sich zusammen mit Klimaforscher James Hansen und Naomi Klein gegen die weitere Ölförderung in den sogenannten Ölsanden in Kanada. Warum?

Bill McKibben: Die kanadischen Ölsande sind die zweitgrößte Kohlenstofflagerstätte der Welt. Würden wir das gesamte dort abbaubare Öl verbrennen, wäre das mehr Kohlenstoff als wir in der bisherigen Menscheitsgeschichte verbrannt haben. Es handelt sich also um sehr viel Kohlenstoff. Ich habe mich neben anderen sehr für den Kampf gegen die erste wirklich große Pipeline zu diesen Ölsanden, der Keystone XL Pipeline, engagiert. Wir haben im letzten Jahr in Washington den größten Aufruf zu zivilem Ungehorsam seit 30 Jahren organisiert. 1253 Aktivisten wurden verhaftet und im Herbst hat die Regierung Obama den Bau der Pipeline immerhin zeitweilig ausgesetzt. Siege von Umweltaktivisten sind immer vorrübergehende Siege. Dieser Sieg wird vorübergehender als viele andere sein, da die fossile Brennstoffindustrie nicht gerne verliert und viel Geld ausgeben wird, um das zu ändern. Aber zumindest haben wir gezeigt, dass es möglich ist den Ölkonzernen die Stirn zu bieten. Wir müssen diesen Erfolg jetzt auf viel grundlegendere Weise wiederholen, da wir den Kampf gegen den Klimawandel nicht Pipeline für Pipeline gewinnen können. Wir müssen gegen die Finanzkraft der reichsten Industrie der Erde vorgehen.

David Goeßmann: Obama genehmigte jedoch die südliche Pipeline. Die nördliche könnte also dazu kommen?

Bill McKibben: Mitt Romney hat bereits angekündigt, dass seine erste Amtshandlung, sollte er gewählt werden, die Genehmigung der Keystone Pipeline sein wird. Er ist eben ein Kind der fossilen Brennstoffindustrie. Es kann gut sein, dass die Regierung Obama das ebenfalls macht, da sie massiv unter Druck gesetzt wird.

David Goeßmann:  Also müssen die Aktivisten den selben Druck von der anderen Seite.

Bill McKibben: Das ist richtig. Es gibt keine endgültigen Siege in diesem Geschäft.

David Goeßmann: Sie organisierten vor dem Weißen Haus einen Protest zivilen Ungehorsams. Es geht als nicht nur um das Hochhalten von Schildern?

Bill McKibben: Es gibt viele Werkzeuge im Arsenal eines Aktivisten und ziviler Ungehorsam gehört dazu. Ich glaube er funktioniert am besten, wenn man ihn auf eine bestimmte Art eingesetzt. Wir haben alle Teilnehmer gebeten, entweder eine Krawatte oder ein Kleid anzuziehen. Wir wollten klarmachen, dass nicht wir die Radikalen sind. Die Radikalen arbeiten für die Ölfirmen. Wenn man eine Veränderung der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre billigend in Kauf nimmt, ist man radikal. Das ist das Radikalste, das die Menschheit jemals unternommen hat. Wir hingegen wollen eine Welt, die mehr oder weniger wie diejenige aussieht, in die wir geboren wurden. Wir sind in gewissem Sinn konservativ.

David Goeßmann: In den USA blockieren Menschen die Straßen zu Öl-, Gas und Kohleabbaugebieten, die die Umwelt verschmutzen. Sie riskieren ins Gefängnis zu kommen, wie sie es taten. Sie sabotieren wie Tim DeChristopher eine Auktion, bei der Land an die Ölindustrie verkauft werden soll. Sie verbrennen selbst SUVs. Wie sieht die Umweltbewegung in den USA aus?

Bill McKibben: Nun, das Anzünden von SUVs, das waren Einzelfälle und ich kenne niemanden der Gewalt gegen Sachen oder Menschen befürwortet. Aber die Anzahl der Leute, die bereit sind sich auch physisch zu engagieren, hat deutlich zugenommen. Mein Freund Tim DeChristopher wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, da er sich an Protesten beteiligt hat, die die Versteigerung von Gas- und Ölkonzessionen vereiteln sollten. Ich habe ihn gerade im Bundesgefängnis besucht. Ich denke, es wird deutlich, dass viele Menschen, wie damals in den Bürgerrechtsbewegungen, bereit sind, sich auch körperlich zu engagieren, um klar zu stellen, dass es so nicht weitergeht.