03.05.2013

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Die Privatarmee des Präsidenten: Interview mit Jeremy Scahill („Blackwater“) über sein neues Enthüllungsbuch „Dirty Wars. The World Is a Battlefield“

Im Interview mit Kontext TV spricht Enthüllungsjournalist Jeremy Scahill zum ersten Mal mit einem deutschen Medium über sein gerade in den USA erschienenes Buch „Dirty Wars. The World Is a Battlefield“. Nach seinem Bestseller über die Söldnerarmee „Blackwater“ legt Scahill erneut eine bahnbrechende Investigation zur US-Kriegsführung vor. Diesmal beleuchtet Scahill die Geheimoperationen des Joint Special Operation Command (JSOC). Die JSOC-Eliteeinheiten sind direkt dem Weißen Haus unterstellt und unterliegen keiner Kontrolle durch den US-Kongress. Sie seien praktisch die Privatarmee des Präsidenten, so Scahill. Weltweit führt JSOC jährlich Zehntausende Nachtrazzien, gezielte Tötungen, Sabotageakte oder Drohnenattacken durch. Zudem werden lokale Warlord-Milizen mit Mordanschlägen beauftragt – z.B. in Somalia. Die Ziele der Operationen sind Verdächtige, „suspected militants“, denen oft nicht einmal Verbrechen zur Last gelegt werden wie dem amerikanischen Imam Anwar al-Awlaki. Die Tötung von Unschuldigen wie im afghanischen Dorf Gardez, wo schwangere Frauen getötet wurden, oder im Fall Abdulrahman, einem 16-jährigen amerikanischen Teenager, werden vertuscht, so Scahill. Nach 9/11 und insbesondere unter Präsident Obama wurden die schmutzigen Kriege zu einem globalen Tötungsprogramm in über 70 Ländern ausgeweitet. „Wir sind zu der Kraft mutiert, die wir vorgeben zu zerstören. Wir erscheinen, als hätten wir überhaupt keine Moral“, sagt Scahill.
 

Gäste: 

Jeremy Scahill: Korrespondent für Nationale Sicherheit beim Magazin "The Nation", Autor des New York Times Bestsellers "Blackwater: The Rise of the World’s Most Powerful Mercenary Army". Ausgezeichnet mit dem Georg Polk Award

Transkript: 

David Goeßmann: Willkommen zu Kontext TV. Wir sind an der Harvard University in Cambridge. Wir wollen heute über Jeremy Scahills neues Buch „Dirty Wars. The World Is a battlefield“ sprechen. Es wurde gerade in den USA veröffentlicht. Jeremy Scahill ist Korrespondent für Nationale Sicherheit für das Magazin „The Nation“ und Autor des New York Times Bestseller „Blackwater: The Rise of the World’s Most Powerful Mercenary Army“. Am Rande einer Diskussion über das Buch mit US-Kritiker Noam Chomsky und Amy Goodman von Democracy Now hatten wir die Möglichkeit mit Jeremy Scahill ein Interview zu führen.

David Goeßmann: Jeremy, lassen Sie uns über ‘Dirty Wars’ sprechen. Worin besteht der Unterschied zu normalen, regulären Kriegen?

Jeremy Scahill: Das Konzept von „Dirty Wars“, der „schmutzigen Kriegen“, ist, dass der Präsident der USA Barack Obama, der von Beruf Jurist für Verfassungsrecht ist, versucht, seine Drohnen-Kriege und den Gebrauch von Sondereinsatzkräften als eine sauberere und klügere Art der Kriegsführung darzustellen. Und er versucht seinen Krieg in gewisser Weise dem gegenüber zu stellen, was in der Bush-Ära passiert ist, also der Invasion und Okkupation Iraks und Afghanistans. Aber es gibt keinen sauberen Krieg. Die schmutzigen Kriegen von heute legen offen, wie in Zukunft Krieg geführt wird, dass es immer weniger um den Einmarsch großer konventioneller Armeen in andere Länder gehen wird. In Konflikten wird die Kriegsführung zunehmend aus einer Kombination von Söldnern, Spezialkräften, verdeckten Einsätzen von Geheimdiensten und Cruise-Missiles-Angriffen bestehen. Ich denke auch, dass das in vielerlei Hinsicht eine alte Geschichte ist. Neu ist im Vergleich zum 2. Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg die fortgeschrittene Technologie. Die Idee eines Roboter-Krieges, in dem keine Piloten in Flugzeugen sitzen, um ein Land zu bombardieren, dass wirft Fragen auf über die Möglichkeiten von mächtigen Nationalstaaten, Krieg gegen Aufstände oder ihre eigene Bevölkerung zu führen. Ich glaube nicht, dass sich Kriege grundsätzlich geändert haben, außer der Technologie. Doch der Trend geht eindeutig weg von Massenkriegen hin zu vielfältigen verdeckten Operationen.

David Goeßmann: Wie funktionieren solche verdeckten Operationen?

Jeremy Scahill: Der amerikanischen Regierung stehen vielfältige Einheiten zur Verfügung. Die CIA hat eine paramilitärische Division, die Sondereinsatz-Division, und diese Truppen können entweder vom Militär ausgeliehen werden oder sie entstammen dem Haus-internen CIA-Kommando. Sie können in Ländern eingesetzt werden, in denen die USA gar nicht militärisch engagiert ist. Sie können sie dann sehr leicht bestreiten. Dort spüren die Eliteeinheiten Verdächtige auf und ermorden sie. Doch die USA müssen dafür keine Verantwortung übernehmen. Und es gibt auch nur sehr wenige Personen in der amerikanischen Regierung oder dem Kongress, die über diese Operationen in Kenntnis gesetzt werden. Im Militär ist die schlagkräftigste Elite-Truppe, die dem Präsidenten zur Verfügung steht, das gemeinsame Sondereinsatzkommando, genannt JSOC. Diese Einheit wurde 1980 nach einer misslungen Geiselrettungsaktion im Iran gegründet. Für lange Zeit existierte sie im Schatten. Im Pentagon wurde in den Fluren nur unter vorgehaltener Hand darüber gesprochen, die Leute wussten, dass JSOC existierte, aber es wurde niemals wirklich an die Öffentlichkeit gebracht. Was wir wissen, ist, dass dieser Einheit nach dem 11. September einen beispielloses Machtzuwachs erhielt. Sie konnte tun und lassen was sie wollte, um die Welt zum Schlachtfeld zu erklären. Es sind die am besten entwickelten Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Sie operieren außerhalb der gängigen Befehlsketten. JSOC ist praktisch die Privatarmee des Präsidenten. Die Elitesoldaten werden für alle möglichen Einsätze genutzt: von der Festnahme von Piraten, die ein US-Schiff gekapert haben, über die Ermordung Osama bin Ladens hin zu Sabotageakten oder Ermordungen von Verdächtigen in der ganzen Welt. Es gibt zwei zentrale Streitkräfte, die dem Präsidenten unterstehen, um solche Operation durchzuführen, die geheim bleiben sollen. Nur wenn es den Verantwortlichen genehm ist, wird eine Operation öffentlich gemacht. Dann geben sie einem alle möglichen Informationen. Wenn etwas nach Plan läuft, wie zum Beispiel die Ermordung bin Ladens, dann verkünden sie jedes Detail einschließlich der Art von Waffen, die benutzt wurden. Wenn eine Aktion fehlschlägt, wie zum Beispiel eine der Geschichten, von denen ich im Buch erzähle, als eine schwangere Frau in einem nächtlichen Überfall getötet wurde, dann wird es vertuscht. Dann wird alles unter den Teppich gekehrt. Daher denke ich, dass wir Amerikaner und der Rest der Welt nur sehr wenig darüber wissen, was diese Truppen tatsächlich tun.

David Goeßmann: Was ist mit den Opfern? In Ihrem Buch kommen zwei Personen vor, es sind Amerikaner. Was ist mit ihnen passiert?

Jeremy Scahill: Nach dem 11. September haben die USA eine Kill-list, eine Tötungsliste entwickelt. Ursprünglich waren zwischen 7 und 24 Personen auf dieser Liste, die meisten davon hatte man als Führer von Al-Kaida identifiziert: z.B. Osama bin Laden, Aiman al-Zawahiri, öffentlich bekannte Personen. Es begann eine Jagd auf diese Leute. In den folgenden Jahren ist die Liste immer länger geworden. Man gab einen Satz Karten mit Steckbriefen heraus für den Irak mit Saddam Hussein und seinen Gefolgsleuten. Im Fall Afghanistan setzte man Tausende von Leuten, einschließlich niedrigster Befehlsgeber, auf die Liste. Und als die Obama Administration die Leitung übernahm, begann man, sich auch auf den Amerikaner Anwar Al-Awlaki zu fokussieren. Awlaki ist in den USA geboren, er war in der Zeit nach 9/11 ein Imam an einer großen Moschee in Virginia. Er galt als moderater Muslim, der die Anschläge vom 11. September verurteilte. Man konnte ihn oft im Fernsehen und Radio sehen und hören. Als der US-Krieg sich immer weiter ausbreitete, radikalisierte er sich mehr und mehr. Er begann, sich gegen den Krieg auszusprechen und verließ schließlich die USA. Er kehrte zurück nach Jemen. Er nutzte jetzt das Internet, um dort zu predigen. Er unterhielt einen Blog, in dem er offen zu Anschlägen auf US-Soldaten und für einen bewaffneten Dschihad aufrief. Die USA ließen ihn am Ende verhaften und steckten ihn für eineinhalb Jahre in Jemen ins Gefängnis, was ihn noch radikaler machte. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, fahndeten die USA nach ihm. Awlaki ging in den Untergrund. Im September 2011 veranlasste Präsident Obama die Tötung von Anwar Al-Awlaki, einen amerikanischen Staatsbürger. Awlaki wurde kein Verbrechen zur Last gelegt. Es wurden keine Beweise öffentlich gemacht. Er wurde nicht angeklagt und trotzdem hat man ihn mit einem Drohnen-Angriff töten lassen. Ein weiterer Amerikaner, Samir Khan, kam bei dem Anschlag ums Leben. Er war im Grunde ein Propagandist. Er war Chefredakteur der Zeitung „Inspire“, die Al-Kaida in der arabischen Halbinsel gegründet hatte. Awlaki und Khan wurden also in ihrem Jeep getötet. Die Reaktionen auf die Tötung waren in den USA in zwei Lager geteilt: Das eine Lager schwieg, sagte einfach nichts zu dem Vorfall. Die anderen feierten es einen großen Sieg, weil zwei mächtige Terroristen zur Strecke gebracht worden seien. Was aber viele Amerikaner nicht wissen ist, was mit Awlakis 16 Jahre alten Sohn Abdulrahman geschah, der seinen Vater jahrelang nicht gesehen hatte. Abdulrahman lebte mit seinen Großeltern in Jemen. Er war ein ziemlich normaler Junge, mit einer ziemlichen Mähne, die sein Großvater immer abschneiden lassen wollte. Er hörte Hip-Hop, traf sich mit seinen Freunden auf einem Platz, an dem die Revolution während des Arabischen Frühlings stattfand. Und dieser Junge vermisste schlicht seinen Vater, eine natürliche Reaktion von Kindern. Er wollte ihn sehen. Seine Familie wollte das nicht, so dass Abdulrahman sich eines Tages durch das Küchenfenster hinausschlich, sehr früh am Morgen, eine Tag nachdem er 16 Jahre alt geworden war. Er fuhr mit dem Bus von der Altstadt der jemenitischen Hauptstadt Sana in die Provinz Shabwah, wo der Stamm seiner Familie beheimatet ist. Dort hatten die USA mehrere Drohnen-Angriffe durchgeführt, um seinen Vater zu töten. Abdulrahmans Plan war, sich mit seinem Vater zu treffen. Kurz nachdem er dort ankam, wurde sein Vater ermordet, nicht in Shabwah, sondern im Norden Jemens. Abdulrahmans Familie wollte, dass der Junge nach Hause komme. Seine Großmutter rief ihn und sagte: “Weißt du, es ist vorbei, dein Vater ist tot. Du musst nach Hause kommen.“ Er antwortete ihr: „Ich werde es versuchen. Aber die Straßen sind wegen der Kämpfe und der Revolution abgesperrt. Ich komme nach Hause, sobald ich kann.“ Er traf sich mit Verwandten, seinen Cousins. Es waren Teenager. Sie saßen draußen in einem Restaurant und gegen 9 Uhr tauchte eine Drohne am Himmel über ihnen auf und feuert eine Rakete ab. Die Explosion traf den Jungen und seine Cousins. Die Obama Administration hat nie erklärt, wer das Ziel dieser Attacke gewesen ist, warum der amerikanische Teenager ermordet wurde. Es gibt keine Antworten. In den Nachwirkungen des Mordanschlags schleuste ein US Soldat anonym einen Bericht an amerikanische Zeitungen, worin behauptet wurde, dass Abdulrahman 21 Jahre alt gewesen sei. Seine Familie präsentierte dessen Geburtsurkunde, ausgestellt vom Staat Colorado, die zeigt, dass er ein 16-Jähriger amerikanischer Junge gewesen war. Dann wurde behauptet, er hätte sich mit einem Al-Kaida Propagandisten getroffen, der auch in dem Anschlag getötet wurde. Es stellte sich heraus, dass der aber gar nicht tot ist. Ich habe die vergangen Jahre damit verbracht, Antworten vom Weißen Haus zu bekommen, warum dieser 16-Jährige amerikanische Teenager getötet wurde. Es scheint, als sei sein einziges Vergehen gewesen, dass Anwar Al-Awlaki sein Vater war. Für mich, nicht so sehr als Journalist, sondern als Mensch, ist die Ermordung eines Kinds und die Rechtfertigung, dass sein Vater ein böser Mensch, Krimineller oder ein Terrorist sei, erbärmlich. Ich versuche also an dieser Geschichte dran zu bleiben. In meinem Buch gibt es keine Schlussfolgerung zu diesem Fall. Ich werde vielleicht eine Neuauflage drucken lassen müssen, falls wir jemals Antworten erhalten sollten.

David Goeßmann: Wie viele Menschen wurden in solchen verdeckten Operationen bisher getötet. Gibt es Zahlen darüber?

Jeremy Scahill: Ein konservativer Republikaner hat vor nicht allzu langer Zeit eine Zahl fallen lassen in einer Anhörung oder einem Interview. Er sprach von mehr als 4000 Menschen, die in Drohnen-Angriffen getötet worden seien. Das ist eine konservative Schätzung. Drohnen sind zwar ein wichtiger Faktor, aber sie sind nur ein Teil der Geschichte. Wie viele Personen wurden in Operationen ermordet, von denen wir nicht einmal etwas wisse, die von Bodeneinheiten ausgeführt wurden? Wie viele Afghanen wurden in nächtlichen Überfällen getötet? Wir haben keine Ahnung. Ein US-General hat einmal während der Bush-Zeit gesagt: “Wir zählen unsere Opfer nicht”. Es gibt im Grunde niemanden, der wirklich zählt, wie viele Menschen von uns umgebracht worden sind. Niemand zählt, wie viele mutmaßliche Kämpfer getötet wurden, niemand zählt, wie viele Zivilisten getötet wurden. Wir haben den drittwichtigsten Mann von Al-Kaida vielleicht rund 300 Mal getötet. Ich weiß die Antwort auf diese Fragen nicht, aber ich will die Antwort auf diese Fragen erhalten. Ich will wissen, wer diese Menschen waren und warum sie getötet wurden. Die USA verbreitet ein Bild in der Welt, dass wir, wenn es um das Mordprogramm geht, eine gesetzlose Nation sind. Und das ist beunruhigend. Das ist für mich als Amerikaner erschreckend einzugestehen. Es geht mir sehr nah. Wir sind zu der Kraft mutiert, die wir vorgeben zu zerstören. Wir erscheinen, als hätten wir überhaupt keine Moral. Ein ehemaliger führender Militäroffizier, General Hugh Shelton, der Generalstabschef war und damit eine sehr machtvolle Position im Militär inne hatte, sagte einmal zu mir: „Wir versuchen mit unseren Handlungen nicht wie Terroristen auszusehen“. Das ist ein Mann, der seine Worte sorgfältig wählt. Für mich war das ein ziemlich bedeutsamer Kommentar. Er bringt etwas auf den Punkt. Wenn man in Jemen ist, wie ich zusammen mit Rick, dem Regisseur von „Dirty Wars“, und du fragst Menschen, was sie unter Terrorismus verstehen, dann sprechen sie von Drohnen. Sie sagen uns: „Bei euch sagt man, Al-Kaida ist Terrorismus. Wir sagen, dass eure Drohnen Terrorismus sind.“ Für die Menschen dort ist das die Realität. Wir sind für sie die Terroristen. Jeder, der Gewalttaten begeht, findet dafür Rechtfertigungen, so dass seine Sache als gerecht erscheint. Terroristen machen das, Nationalstaaten machen das. Eines der Hauptprobleme unserer kollektiven Geschichte ist, dass wir alle glauben, unsere Gewalt sei in irgendeiner Weise berechtigt und dass die Gewalt des Feindes es nicht ist. Das müssen wird auf den Prüfstand stellen.

David Goeßmann: Vielen Dank.