03.05.2013

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Krieg für den Terror: Regisseur Richard Rowley über den Dokumentarfilm „Dirty Wars“ und Obamas globale Mordprogramme

Das Buch „Dirty Wars“ ist auch Thema des gleichnamigen Dokumentarfilms. Der Film erhielt auf dem Sundance Filmfestival den Preis für die beste filmische Darstellung im Bereich Dokumentarfilm. „Dirty Wars“ folgt Jeremy Scahill nach Afghanistan, Jemen und Somalia. Er reist zu den Opfern von US-Anschlägen, spricht mit ehemaligen JSOC-Soldaten und Whistleblowern. Der Regisseur des Films Richard Rowley ist Kriegsreporter. Während der Berichterstattung über die Kriege im Irak und Afghanistan sei er ebenso wie Scahill auf die Schattenkriege aufmerksam geworden. „Heute werden mehr Afghanen durch nirgendwo angebundene geheime Spezialeinheiten getötet und gefangen genommen als von der kompletten 200.000 Mann starken NATO-Armee vor Ort“, sagt Rowley. Jeder wisse zwar von der Tötung Osama Bin Ladens. Doch dass im gleichen Jahr 20.000 weitere nächtliche Überfälle stattfanden, sei nicht bekannt. Obama habe die vorgeblich saubereren Schattenkriege seines Vorgängers Bush noch ausgeweitet und zur neuen Norm erhoben. Dabei basiere das globale Mordprogramme von JSOC auf miserablen Geheimdienstinformationen. Immer wieder würden Unschuldige getötet. In Afghanistan kämpfe JSOC de facto „gegen Bauen, die, wenn sie überhaupt zu den Taliban gehören, gegen die Amerikaner kämpfen, weil die ihr Tal besetzen und sie sie dort weg haben wollen“. Rowley: „Es gibt für sie keinen Endpunkt. Im Inneren von JSOC nennen einige das „Rasenmähen“. Das Gras wächst ein bisschen und dann mähen sie es ab. Da sie es nicht an der Wurzel herausreißen, wächst es immer schneller nach, schneller als man es mähen kann.“

Gäste: 

Richard Rowley: Kriegsreporter, Regisseur von "Dirty Wars"

Transkript: 

David Goeßmann: Jeremy Scahills Buch ist auch Thema des Dokumentarfilms „Dirty Wars“, der im Juni in den USA in die Kinos kommt. Der Film folgt dem investigativen Journalisten Scahill nach Afghanistan, Somalia und Jemen. Der Regisseur des Films „Dirty Wars“ Richard Rowley erhielt auf dem Sundance Filmfestival den Preis für die beste filmische Darstellung im Bereich Dokumentarfilm. Bevor wir das Interview mit Rowley hören hier der Trailer des Films.

David Goeßmann: Ich habe Richard Rowley zuerst gefragt, wie es zu dem Filmprojekt gekommen ist.

Richard Rowley: Ich kenne Jeremy seit über einem Jahrzehnt, ich glaube, dass wir uns beim Protest gegen die Welthandelskonferenz in Seattle 1999 getroffen haben. Aber während des Irak-Krieges kam ich ihm wirklich nah. Ich war Kriegsreporter und berichtete über den Irak-Krieg am Boden und er arbeitete investigativ. Er recherchierte großartig. Dieser Krieg brachte uns näher zusammen. Ich habe vor Ort in Afghanistan allein und eingebettet in US-Truppen und auch an anderen Orten gesehen, dass der geheime Krieg den konventionellen Krieg verdrängte. Jeremy stellte das gleiche fest. Also beschlossen wir einen Film in Afghanistan zu machen, wie geheime Spezialkommandos den konventionellen Krieg in den Schatten stellten. Heute werden mehr Afghanen durch nirgendwo angebundene geheime Spezialeinheiten getötet und gefangen genommen als von der kompletten 200.000 Mann starken NATO-Armee vor Ort. Also begannen wir mit diesem Film. Als wir anfingen, ahnten wir nicht, wie groß das Projekt werden würde. Als wir im Dorf Gardez in Afghanistan ankamen, hätten wir niemals geglaubt, dass die Einheit, die für die Anschlags-Operation auf eine Feierlichkeit mit zivilen Opfern verantwortlich war, diese globale Eliteeinheit sein könnte, für die direkt der Präsident verantwortlich ist. Sie operiert überall auf der ganzen Welt. Wir ahnten nicht, dass wir in Somalia, in Mogadishu, in Jemen landen würden. Ich habe sicher nie geglaubt, dass wir afghanische Opfer amerikanischer Nachtrazzien interviewen würden oder dass wir mit amerikanischen Bürgern sprechen würden, die Opfer der gleichen Gewalt wurden.

David Goeßmann: Was haben sie erfahren, als sie diese Elitesoldaten und auch die Opfer interviewten? Was haben Sie dort gelernt?

Richard Rowley: Mir war lange die immense Ausdehnung dieser Operationen unbegreiflich. Natürlich konnten wir davon ausgehen, dass unsere Regierung im Geheimen hässliche Dinge unternahm, die geheim bleiben sollten. Heute wissen wir von Nachtrazzien. Die Tötung Osama Bin Ladens durch Spezialeinheiten wurde ausführlich geschildert. Uns wurden die Waffen gezeigt, wir wissen, wie viele Elitesoldaten der Seals dort waren, wir kennen die Art der Helikopter, all das ist uns bekannt. Aber dass es in Afghanistan im gleichen Jahr zwischen 10 und 20 Tausend weitere nächtliche Razzien gegeben hatte, davon wussten wir absolut nichts. Wir wussten, dass vielleicht einige Operationen in Pakistan geschehen. Es gab Berichte von Drohnen und so weiter. Doch die geheimen Spezialeinheiten sind in 70 anderen Ländern aktiv. Diese geheimen Mordprogramme sind auf eine Ebene gehoben worden, so dass sie jetzt das neue Paradigma, die neue Norm sind. Das ist die Art, wie die USA heute Außenpolitik betreiben. Es ist beängstigend.

David Goeßmann: Geben Sie uns ein Beispiel, wie diese geheimen Elitesoldaten vor Ort arbeiten.

Richard Rowley: Wir haben in jedem Land, in dem wir uns aufhielten, einen anderen Schwerpunkt gesetzt. In Afghanistan legten wir den Fokus auf nächtliche Razzien. Jede Nacht gibt es dort 15 bis 20 solcher Überfälle. Eine Gruppe von rund 20 JSOC-Soldaten gemeinsam mit ein paar Afghanen als Übersetzer besetzt ein Gebiet, um ein paar Informationen zu bekommen und Menschen gefangen zu nehmen. Wenn es Wiederstand gibt, schlagen sie ihn schnell und gewaltsam nieder. Viele Zivilisten werden dabei getötet. Es gibt heftige Gegenreaktionen. Umfragen zeigen, dass diese Überfälle der Hauptgrund der Afghanen dafür sind, warum sie die NATO hassen und die NATO weghaben wollen. Im Jemen konzentrierten wir uns auf Cruise Missles und Drohnen Angriffe. Dabei verlassen sich die US-Kommandos auf lokale Geheimdienstinformationen, die sie von korrupten Informanten und einer korrupten Regierung erhalten. Mit diesen Informationen machen sie die Ziele aus, die sie vom Himmel aus bombardieren. Diese Attacken stellen die Hauptbeschwerde der Menschen in Jemen dar. Damit generieren die USA mehr Feinde als sie je töten können. In Somalia filmten wir eine dritte Art von JSOC-Operationen. Dort arbeitet man mit lokalen Milizen als Stellvertreter. Diese lokalen Streitkräfte nehmen im Auftrag der Vereinigten Staaten Menschen gefangen, halten sie fest oder töten sie. Die USA händigen lokalen Banden und Warlords Tötungslisten aus. Es ist eine Art Outsourcing. Man muss bedenken: Somalia ist ein Land, dass durch Warlords, die wir unterstützt, finanziert und mit Waffen ausgerüstet haben, in blutige Einzelteile zerschnitten wurde. Die USA arbeiten bis heute mit diesen Verbrechern zusammen.

David Goeßmann: Wer sind die Menschen, die getötet werden? Und was ist mit den Angehörigen?

Richard Rowley: JSOC wurde nach der Operation „Eagle Claw“ gegründet, die nicht gelungene Geiselrettungsaktion im Iran. Es war eine kleine Streitkraft aus ein paar Hundert Soldaten, die direkt dem Weißen Haus, dem Präsidenten, untergeordnet war. Sie sollte nicht Teil der normalen Befehlskette sein und ausschließlich für Geiselrettungsmaßnahmen eingesetzt werden. Wenn irgendwo eine Nuklearwaffe vermisst würde, dann sollte JSOC sich darum kümmern. Es ging als um internationale strategische Missionen, sehr diskret und geheim durchgeführt. Offiziell sollen JSOC-Einheiten in Afghanistan internationale Terroristen vom Schlage Al-Kaida jagen. Das tun sie aber nicht. Sie jagen, wie sie es nennen, Taliban-Kommandeure mittlerer Ebene. Das Ganze basiert auf unglaublich schlechten Geheimdienstinformationen. De facto kämpfen sie gegen Bauen, die, wenn sie überhaupt zu den Taliban gehören, gegen die Amerikaner kämpfen, weil die ihr Tal besetzten und sie sie dort weg haben wollen. Diese Art Kampf ist nicht die Aufgabe, für die JSOC-Eliteeinheiten einmal ins Leben gerufen wurden. Auch wenn sie die sogenannten „richtigen Menschen“, die auf der Liste stehen, töten, gibt es immer „Kollateralschäden“. Das erzeugt enorme Gegenreaktionen. Man muss auch bedenken, dass diese Tausend von Leuten, die auf der Liste stehen, keine Gefahr für die USA darstellen.

David Goeßmann: Was glauben Sie ist das Ziel der „geheimen Kriege“?

Richard Rowley: Wir haben mit jemanden gesprochen, der in verschiedenen Aufgabenbereichen bei JSOC gearbeitet hat. Er sagte: „Man kann taktisch brillant sein, aber strategisch dumm“. JSOC-Kommandos sind taktisch brillante Kräfte, sie sind in der Lage Dinge zu tun, zu denen niemand anderes in der Geschichte fähig gewesen ist. Sie sehen durch Wände, fliegen in unsichtbaren Helikoptern. Es ist unglaublich, was sie können. Aber das alles ist Taktik ohne Strategie. Es gibt für sie keinen Endpunkt. Im Inneren von JSOC nennen einige das „Rasenmähen“. Das Gras wächst ein bisschen und dann mähen sie es ab. Da sie es nicht an der Wurzel herausreißen, wächst es immer schneller nach, schneller als man es mähen kann. Man erzeugt fortwährende Instabilität, man füttert sie. Das ist, denke ich, einer der Gründe, warum wichtig ist, die Amerikaner über diese Kriege aufzuklären, die in unserem Namen geführt werden und über die wir nichts erfahren. Wir müssen eine nationale Debatte darüber führen, wohin dieser Krieg gegen den Terror führen soll. Was ist das Ende? Es gibt heute nicht einmal einen imaginierten Endpunkt. Es ist ein fortwährendes Management von Gewaltzyklen, die dieses Land in beängstigender Weise aufwühlt und uns als Nation unsicherer macht.

David Goeßmann: Was ist mit der Rechenschaftspflicht der Operationen?

Richard Rowley: Wir haben bis jetzt darüber gesprochen, was strategisch falsch daran ist. Die Frage, was rechtlich und moralisch falsch daran ist, diese Probleme sind weit größer. Die JSOC-Streitkräfte sind ja gerade so verfasst, dass sie keinerlei Rechenschaftspflicht unterliegen. Sie sind geheime Eliteeinheiten, die direkt dem Präsidenten unterstehen. Der Kongress hat nur eine sehr theoretische Einsicht in ihre Operationen. Man kann die Operationen daher gut verleugnen. Der Präsident hat in einem Google Chat zum ersten Mal zugegeben, dass die Regierung ein Drohnenprogramm hat, nachdem jeder bereits wusste, dass wir Pakistan und Jemen mit Bomben völlig zerstören. Man müsste es eine Komödie nennen, wenn es nicht so pervers wäre, wie mit dem Mittle der Geheimhaltung diese Kriege geführt werden.