20.06.2013

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Kontrolle über Metalle, Kohle und Öl zentral für Imperien / Rückfall in Agrargesellschaft denkbar

Die Kontrolle über Edelmetalle war einst zentral für antike und moderne Großreiche. Mit Gold- oder Silbermünzen wurden Soldaten bezahlt, die das Reich ausdehnen und neue Minen erobern konnten. Moderne Imperien wie das britische waren auf Kohle und Öl erbaut; mit der Erschöpfung der britischen Kohlevorräte ging auch das British Empire zu Ende. Auch unser gegenwärtiges Empire beruht auf fossilen Energien, so Bardi: Wer sie kontrolliert, beherrscht die Welt. Doch die Verknappung von Öl, Kohle und Erzen und der voranschreitende Klimawandel könnten bereits in einigen Jahrzehnten zu einem Zusammenbruch der gegenwärtigen Zivilisation führen. Eine unfreiwillige Rückkehr zur Agrarwirtschaft sei möglich. Allerdings sei der Zusammenbruch vermeidbar: Statt weiter Minen auszubeuten, könne man Abfälle klug wiederverwerten und den Ressourcenkreislauf schließen.

Gäste: 

Ugo Bardi, Professor für physikalische Chemie an der Universität Florenz, Autor des Berichts an den Club of Rome "Der geplünderte Planet"

Transkript: 

Fabian Scheidler: In Ihrem Buch sprechen sie auch über die Bedeutung von Metallen und Bergbau für Imperien. Wie hängen Metallverarbeitung, Bergbau, Waffen, Kriege und Imperien in der Geschichte zusammen?

Ugo Bardi: Das ist ein sehr interessanter Punkt. Wenn man an diesem Thema arbeitet, findet man immer wieder neue Dinge heraus. Und wenn man so ein Buch schreibt, lernt man wahrscheinlich mehr, als wenn man 100 Bücher lesen würde, denn man muss forschen und all diese Geschichte verdichten. Dabei haben wir die enge Beziehung entdeckt, die es bis vor kurzem noch zwischen Edelmetallen und dem Finanzsystem gegeben hat, dem monetären System, das ziemlich primitiv begonnen hat, aber dann wuchs und dieses enorme Ding wurde, das es heute ist, auch wenn es nicht mehr auf Metallen basiert. Imperien wurden einst auf der Verfügbarkeit von Gold gegründet, denn Gold war eine militärische Waffe. Es wurde benutzt, um Soldaten zu bezahlen. Das Wort Soldat selbst kommt von einem lateinischen Wort für Münze. So wurde das gemacht: Wenn du Gold hattest, konntest Du Soldaten bezahlen, schufst ein kleines Königreich, stahlst noch mehr Gold, bezahltest noch mehr Soldaten, vergrößertes dein Königreich, das dann ein Imperium wurde. So hat das funktioniert. Bis Gold seine Bedeutung als militärische Waffe verlor, weil die Technik an seine Stelle trat. Denn dann gab es wirksame Waffen wie Kriegsschiffe zum Beispiel, und Kriegsschiffe brauchten Kohle. Kohle wurde das Grundelement von Imperien. Das British Empire wurde auf der Kohle errichtet. Es war das erste globale Imperium. Es dauerte so lange, wie die britische Kohle ausreichte. Als die britische Kohle zur Neige ging, verschwand auch das British Empire. Auch heute basiert unser Imperium vor allem auf der Basis von fossilen Brennstoffen. Wer die Kontrolle über die fossilen Brennstoffe hat, regiert die Welt. So einfach ist es.

Fabian Scheidler: Was sind unsere Optionen? In Ihrem Buch beschreiben Sie verschiedene Szenarien. Eines ist extremer Klimawandel, bei dem sich die Menschen in entlegene Gegenden wie die Antarktis zurückziehen. Ein anderes Szenario sagt, dass wir in eine Agrargesellschaft wie die des Mittelalters zurückfallen könnten. Welche Optionen haben wir?

Ugo Bardi: Es gibt viele Möglichkeiten, von denen Sie einige genannt haben. Was sich nicht verändern wird, ist, dass wir ganz grundlegend Bergleute sind. Wir begannen zu Beginn der Steinzeit, Bergleute zu sein, und wir werden Bergleute bleiben. Es ist fast unmöglich, sich eine menschliche Gesellschaft vorzustellen, in der wir nicht irgendetwas aus dem Boden herausholen. Für zehntausende von Jahren, selbst wenn wir zu einer Agrargesellschaft zurückgehen, werden wir weiterhin den Abfall, den unsere Gesellschaft hinterlässt, als Ressource abbauen, zum Beispiel um Eisen zu gewinnen. Das ist sehr wahrscheinlich. Wenn wir kluge Bergleute sind, werden wir unsere Gesellschaft am Leben erhalten, aber wir werden unsere Ressourcenquellen verändern müssen. Bisher haben wir abgebaut, was die Erde über hunderte von Millionen von Jahren in einem geologischen Prozess produziert hat. Das alles wird gerade zerstört. Also brauchen wir neue Minen. Und wir können keine neuen Minen auf diesem Planeten finden, denn es gibt keinen Ort, wo wir uns vorstellen können, die Art von leicht zugänglichen Ressourcen zu entdecken, wie wir sie bisher hatten. Die neuen Minen werden daher Teil des industriellen Kreislaufs sein. Wenn wir es schaffen, eine industrielle Gesellschaft zu erhalten, was durchaus möglich ist, dann können wir, solange wir Energie haben, unsere Abfälle als Ressourcenquelle verwenden und den Kreislauf schließen und damit weitermachen. Ich weiß nicht, ob für immer, aber jedenfalls für eine lange Zeit. Das erfordert aber einiges an Anpassung. Denn in einer Welt, in der mineralische Ressourcen nicht aus Minen stammen, die billig sind, musst du an deinem Abfall arbeiten, du musst ihn organisieren. Wenn man einfach alles zusammengemischt wegwirft, dann wird es schrecklich teuer, Dinge wieder zu trennen. Daher muss der Abfall gemanagt werden. Wenn wir das tun – womit wir mit einiger Mühe schon begonnen haben –, dann zerstören wir das, was wir verwenden, nicht physisch. Wir haben vorhin über Kupfer gesprochen. Kupfer wird abgebaut, es wird gebraucht, aber wir zerstören es nicht, es existiert noch irgendwo. Wenn wir es klug gebrauchen, können wir es wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen lassen und es weiter verwenden. Das ist die große Herausforderung, der wir heute gegenüberstehen.