23.10.2014

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Gärten in Detroit: Wie die Commons-Bewegung die Städte zurückerobert

Angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Prekarisierung, Vertreibungen und Sozialkürzungen schließen sich in den USA und auf der ganzen Welt immer mehr Menschen zusammen, um gemeinsam gesellschaftliche Räume jenseits von Markt und Staat neu zu erobern und gemeinschaftlich zu nutzen: die Commons (Gemeingüter). In Großstädten wie Detroit und New York etwa entstehen große Gemeinschaftsgärten. Dabei geht es nicht nur um Ernährung, so die Sozialwissenschaftlerin Silvia Federici, sondern auch darum, zerstörte soziale Gefüge wieder aufzubauen. Solche Initiativen könnten, wenn sie sich vernetzen, zu "Gemeinschaften des Widerstandes" und zu Keimformen einer anderen Gesellschaft werden.

Gäste: 

Silvia Federici, Prof. em. für Politische Philosophie an der Hofstra University, Long Island, New York; Buchautorin ("Caliban und die Hexe")

Transkript: 

Kontext TV: Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 ist der Kapitalismus in Europa und den USA in Misskredit geraten. Umfragen zufolge wünschen sich 80% der Deutschen ein anderes Wirtschaftssystem. Anscheinend ist der Kapitalismus nicht nur unfähig, die globale Umweltkrise oder die wachsende Schere zwischen Arm und Reich zu beheben, sondern ist vielmehr die treibende Kraft dahinter. Ein alternatives System ist nicht greifbar, zumal der Staatssozialismus als gescheitert gilt. Hier bringen Sie und andere Aktivisten und Wissenschaftler das Konzept der sogenannten Commons – der Gemeingüter – ins Spiel, um die Umweltzerstörung und die soziale Krise zu überwinden. Was verbirgt sich dahinter und worin liegt die Stärke der Commons?

Federici: Ich glaube, dass die Idee der Commons, das Prinzip der Commons tatsächlich wieder eine Rolle spielt. Seit den 90er Jahren stellt es im politischen Diskurs und in der politischen Praxis eine Antwort auf die Zerstörung dar, die der Vormarsch kapitalistischer Beziehungen weltweit verursacht hat, insbesondere was die Umstände unserer sozialen Reproduktion angeht. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt sehen sich in ihrer täglichen Lebenserhaltung bedroht. Grund dafür sind massive Landnahme – das Land Grabbing –, prekäre Erwerbsverhältnisse, Einsparungen bei sozialen Dienstleistungen. Commons sind zunächst eine Überlebensstrategie: Sie erwachsen aus der Notwendigkeit für viele Menschen, Ressourcen zu bündeln und alternative Subsistenzformen zu erschließen, weil wir immer weniger Zugang zu Märkten und Einkommensquellen haben. Eine wichtige Inspiration hierfür kommt aus Südamerika. In vielen Gemeinschaften haben dort Frauen entscheidend bei der Entwicklung neuer Formen der Lebenssicherung mitgewirkt. Gemeindeküchen, urbane Gärten und viele andere solcher Ansätze zur Selbstversorgung wurden von Einwandererinnen auch in die Vereinigten Staaten importiert. So wurde die Urban Gardening-Bewegung stark von Migrantinnen geprägt. Commons dienen aber nicht nur der Lebenshaltung, sondern sind auch ein Weg, um soziale Gefüge wiederaufzubauen, die dadurch zerstört wurden, dass Industrien ins Ausland abgewandert sind und die von Arbeitern über Jahrhunderte aufgebauten Organisationsformen damit zerrüttet wurden. Commons sind demnach nicht nur dazu da, die Nachbarschaftshilfe wiederzubeleben, sondern sie schaffen auch eine neue Solidarität, wo heute ein Vakuum herrscht. Daher sprechen wir auch von Gemeinschaften des Widerstands. Das Prinzip der Commons kommt einer Wiederaneignung des eigenen Lebens gleich. Wir holen uns die Kontrolle über unseren Alltag zurück, die man uns entzogen hat. So erschaffen wir von Grund auf neue Existenzformen, die nicht der Logik der Märkte unterworfen sind. Vor 30 bis 40 Jahren wäre es undenkbar gewesen, in der Stadt selbst Lebensmittel anzubauen, aber heute macht das Beispiel Schule. In der ehemaligen Industriehauptstadt Detroit etwa wird mittlerweile auf vielen Flächen Landwirtschaft betrieben. Auch wenn es noch eher kleine Experimente sind, haben wir durch unser Engagement viel gewonnen: nicht nur neue Formen der Zusammenarbeit, sondern auch ein neues Verständnis für Nahrung, ein Bewusstsein, dass wir essen können, ohne uns dabei zu vergiften; dass ein selbstbestimmtes Leben mit der Kontrolle über Grundnahrungsmittel anfängt. In den Gärten werden nicht nur Lebensmittel produziert, sondern auch Wissen. Eine Menge Wissen über Anbau, Kultivierung und Erhalt. Einige der urbanen Gärten in New York haben auch Kooperationen mit Schulen aufgebaut, die Kinder können dort hingehen, um zu lernen, dass Nahrungsmittel nicht aus der Plastiktüte kommen. Sie können Landwirtschaft erleben und eine Beziehung zur Erde aufbauen, die sie normalerweise nicht hätten. Die Herausforderung ist nun, diese Gärten zu verbinden, nicht nur miteinander sondern auch mit anderen Experimenten. Mit der Idee der freien Universitäten zum Beispiel, dem Wissen als Gemeingut; mit den Kämpfen für höhere Löhne oder gegen Bildungskürzungen. Die Gärten könnten sich zum Beispiel auch miteinander vernetzen, um streikende Arbeiter mit Lebensmitteln versorgen. Auf diesem Terrain eröffnen sich zahllose Möglichkeiten.

Kontext TV: Es wird oft behauptet, die Commons könnten nicht funktionieren, weil Menschen mit Ressourcen, die ihnen nicht selbst gehören, nicht schonend umgehen würden. Was niemanden gehört, darum kümmert sich auch niemand. Das behauptete jedenfalls Garret Hardin in seinem berühmten Aufsatz „Tragik der Allmende“. Was würden Sie erwidern?

Federici: Garret Hardin wurde oft kritisiert und letztlich widerlegt. Er hielt die Commons für einen Raum mit freiem Zugang, wo alles erlaubt ist und jeder sich bedienen kann. Aber zunächst müssen wir den angeblichen Egoismus des Menschen und seine Gleichgültigkeit gegenüber Anderen in Frage stellen. Das Gegenteil kann der Fall sein, wenn Menschen sie selbst sein dürfen und nicht in einem Ausbeutungssystem gefangen sind. Menschen sind auch von ihrem Wunsch nach gegenseitiger Hilfe und Empathie angetrieben, wie der russische Anarchist Peter Kropotkin immer wieder betont hat. Aber anders als Hardin annimmt, waren Commons in der Geschichte nie offen zugänglich sondern immer von Gemeinschaften reguliert, die über die Verwendung der Ressourcen entschieden haben. Sein Argument ist also hinfällig.

Kontext TV: Karl Marx beschrieb die „Ursprüngliche Akkumulation“ – also die gewaltsame Aneignung der Gemeingüter durch private Interessen – als Vorbedingung des Kapitalismus. In Ihrem Buch „Caliban und die Hexe“ vertreten Sie die Ansicht, dass diese Ursprüngliche Akkumulation nicht einmalig in der Vergangenheit stattgefunden hat, sondern bis heute weltweit fortgeführt wird. Können Sie erklären, was dieser Begriff meint und warum er noch aktuell ist?

Federici: Marx hatte vollkommen Recht, wenn er sagte, dass die Ursprüngliche Akkumulation das kapitalistische System begründet hat, weil sie Millionen von Menschen ihrer grundlegenden Subsistenzmittel beraubte. Dadurch wurden sie verletzlich und ausbeutbar. Wer nicht mehr für sich selbst sorgen kann, ist gezwungen, jede Form der Arbeit und Ausbeutung hinzunehmen. Ich bin der Meinung – und diese Sichtweise findet immer mehr Anhänger –, dass die Globalisierung ein neues Gesicht der Ursprünglichen Akkumulation darstellt. Alle kapitalistischen Gesellschaften im Verlauf der Geschichte haben sich ihrer in unterschiedlicher Form bedient, wenn es in Krisenmomenten galt, die Kontrolle über die Arbeitskraft wiederzugewinnen. Die Landnahme – das sogenante Land Grabbing – ist zum Beispiel eine Strategie der Ursprünglichen Akkumulation, die darauf abzielt, die Existenzgrundlagen der Menschen anzugreifen. Krieg ist auch eine Form hiervon, da im Krieg ganze Bevölkerungen aus einem Gebiet vertrieben werden, das dann der Enteignung offen steht. Wir erleben diesen Prozess tagtäglich. Die Globalisierung ist im Kern ein massiver Angriff auf die Existenzsicherung der Menschen.

Kontext TV: Welche Rolle spielen Frauen in der Commons-Bewegung?

Federici: Ich war eine Zeit in Mexiko und stehe im Kontakt mit vielen Frauen in anderen Teilen Lateinamerikas. Frauen sind dort maßgeblich am Widerstand gegen den Bau von Staudämmen, gegen die Rodung von Wäldern oder die Errichtung von Fabriken, die Flüsse verschmutzen, beteiligt. Dabei entwickeln sich wunderbare politische Ansätze. Frauen in Mexiko, die sich für die Commons einsetzen, sprechen von einer Kontinuität zwischen Boden und Körper. Wir sollten dem Boden nichts zuführen, was wir nicht in unseren Körper aufnehmen wollen, sagen sie. Sie betonen auch, dass das Land, auf dem wir leben, nicht nur aus physischen Dingen besteht, sondern uns ständig an die Menschen erinnert, die hier gekämpft haben, hier begraben sind, und deren Blut vergossen wurde, um Unrecht zu verhindern. Deshalb sind diese Frauen sehr am Wiederaufbau eines kollektiven Gedächtnisses interessiert, weil sich daraus die Commons oder die gemeinsamen Interessen begründen lassen. Dadurch wird unser Kampf in einem größeren Ganzen verortet. Frauen leisten auch viel für die Schaffung kollektiver Formen der Hausarbeit; denn wir wissen, welchen Preis Frauen und auch Männer für die Isolierung der Hausarbeit in der Familie, im Haushalt bezahlt haben. Die Trennung der Haushalte, die Wände, die zwischen ihnen errichtet wurden, waren und sind ein politisches Instrument des Kapitalismus. Die Arbeiter wurden in den Fabriken versammelt und konzentriert, aber innerhalb ihrer Lebensgemeinschaften voneinander abgeschottet. So wurde der Ort der Sorge- und Haushaltsarbeit ein Ort der Teilung. Die Stadtplanung hat genau das gezielt gefördert, etwa mit der Entwicklung der Vorstädte nach dem Levittown-Modell in den USA der 40er und 50er Jahre. Seit dem 19. Jahrhundert – zum Beispiel in vielen utopisch-sozialistischen Bewegungen – haben sich immer wieder Frauen dagegen gewehrt und für Veränderungen in der Familie eingesetzt, für kollektive Küchen und eine nachbarschaftliche Einbindung der Haushalte. Das finden wir auch heute wieder in wachsendem Maße.