23.10.2014

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Von "Occupy Sandy" zu "Strike Debt": Wie die Occupy-Bewegung weiterlebt

Occupy Wall Street sei, so heißt es oft, eine Eintagsfliege gewesen. Doch tatsächlich haben sich seit der Besetzung des New Yorker Zuccotti Parks im Herbst 2011 viele neue Initiativen gebildet. Nachdem Hurrikan "Sandy" 2012 die Ostküste der USA verwüstet hatte, organisierten Aktivisten die Initiative "Occupy Sandy", um den Menschen ärmerer Viertel zu helfen, die von den staatlichen Rettungsmaßnahmen übergangen wurden. Außerdem gründete sich die Plattform "Strike Debt" ("Schuldenstreik"), die Widerstand gegen die zunehmende Verschuldung von Studenten, Arbeitern und Erwerbslosen organisiert.

Gäste: 

Silvia Federici, Prof. em. für Politische Philosophie an der Hofstra University, Long Island, New York; Buchautorin ("Caliban und die Hexe")

Transkript: 

Kontext TV: Im Jahr 2011 unterstützten Sie die Occupy Wall Street-Bewegung. Was ist von der Bewegung übrig? Und sehen Sie Ansätze neuer sozialer Bewegungen in den USA?

Federici: Ich weiß, dass es eine Menge Kritik an der Entwicklung der Bewegung gibt. Neulich wurde berichtet, dass einige Mitglieder der Occupy-Bewegung daraus ein Geschäft gemacht haben. Das ist beklagenswert, aber ich wage es, trotzdem optimistisch zu sein. Occupy war eine Massenbewegung, die die politische Szene bereichert hat. In den USA waren daran Tausende junger Menschen beteiligt, sie fand nicht nur in New York, sondern in 600 amerikanischen Städten statt. Viele junge Leute wurden davon inspiriert, mobilisiert. Wir wissen nicht, was diese jungen Menschen künftig tun werden, aber sie wurden dadurch politisiert. Es wurden stundenlange Diskussionen geführt und Erfahrungen ausgetauscht. Aus der Occupy-Bewegung sind auch einige sehr bemerkenswerte Ableger entstanden. Einer davon war Occupy Sandy. Als der Hurrikan Sandy - ich finde es übrigens furchtbar, Stürme und Katastrophen mit Frauennamen zu benennen - als jedenfalls der Hurrikan Sandy kam und die Ostküste verwüstete, blieb ein ganzer Küstenstrich völlig unversorgt, weil dort arme Menschen lebten. Die Stadt schickte tagelang niemanden dorthin und leistete keine Hilfe. Also gründeten Mitglieder der Occupy-Bewegung „Occupy Sandy“ und reisten in das Gebiet, um zusammen mit den Bewohnern die Katastrophenhilfe zu organisieren. Ich habe von mehreren Beteiligten gehört, dass diese Beziehungen seitdem erhalten geblieben sind. Viele haben feste Freundschaften geknüpft; und gleichzeitig hat das eine neue Debatte über den Zusammenhang von öffentlichen Dienstleistungen und Politik und über die Grenzen des Stellenabbaus entfacht. Diese Diskussion war sehr sinnvoll, weil sie einige Thematiken im Umfeld der Commons auf den Punkt gebracht hat. Denn die Commons versuchen zwar Formen gegenseitiger Hilfe zu etablieren, sie sollen aber keineswegs die von David Cameron beschworene „Big Society“ verwirklichen, in der die Gemeinschaft nur der Beschaffung ehrenamtlicher Arbeitskräfte dient. Darum geht es bei den Commons nicht. Es geht nicht darum, Beschäftigte der öffentlichen Hand durch Freiwillige zu ersetzen, sondern darum, etwas Neues aufzubauen, eine Alternative. Und ich glaube, Occupy Sandy hat diese Diskussion stimuliert. Zweitens hat sich aus der New Yorker Occupy-Bewegung eine Organisation namens Strike Debt entwickelt, die nun auch andere Orte, zum Beispiel Kalifornien erreicht hat. Strike Debt – zu Deutsch Schuldenstreik – ist eine sehr interessante Organisation, die Verschuldung aller Art bekämpft. Schon lange gibt es in den USA eine Debatte über Studienkredite, die junge Menschen schwer belasten. Schul- und Hochschulbildung ist so teuer geworden, dass manche 50- oder 60.000 Dollar Schulden anhäufen, bis sie ihren Abschluss bekommen. Und der heutige Arbeitsmarkt macht es sehr schwer, diese Schulden je wieder los zu werden. Also gab es Debatten, aber nichts ist passiert, bis eine Gruppe junger Menschen sich Abend für Abend unterhalten haben, um festzustellen, dass jeder von ihnen Schulden hatte. Wir alle wissen, dass Schulden Scham erzeugen. Es ist nicht wie in einem Arbeitskampf. Verschuldung trägt den Stempel des Scheiterns und ist ein Makel, über den Menschen nicht gerne sprechen. Beim Arbeitsstreik ist das anders: Wer sich für höhere Löhne einsetzt, hat erkannt, dass er ausgebeutet wird, und er gehört einem Kollektiv an. Occupy hat in diesem Zusammenhang einen wichtigen Impuls gegeben, aus dem die Initiative Strike Debt hervorging, eine bemerkenswerte Organisation. Sie haben viele spannende Taktiken ausprobiert – nachzulesen auf ihrer Internetseite. Sie haben auch eine Broschüre zum Download bereitgestellt, die über Schulden und die Schuldenwirtschaft informiert. Es geht um Schulden aller Art, die durch Hypotheken, Arztrechnungen, Kreditkarten, Studiengebühren oder Steuern verursacht werden. Man findet dort auch diverse Ratschläge und politische Ideen dazu, was zu tun ist und wie man sich organisieren kann.