30.09.2014

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Die Naturblindheit überwinden: Auf dem Weg zu einer Ökologischen Ökonomik

Die klassichen Wirtschaftswissenschaften seien blind für die Natur, so der Ökonom Joan Martinez-Alier. Die von ihm mitbegründete Ökologische Ökonomik betrachtet die Wirtschaft als einen Teil der natürlichen Stoffströme. Die Stagnation und Rückschritte im Klima- und Umweltschutz in den letzten Jahrzehnten seien mit dem Siegeszug der neoliberalen Ideologie verbunden gewesen. Der Ausweg daraus könne jedoch nicht in einer Rückkehr zum Keynesianismus liegen, der mehr Verschuldung vorschlägt, um das Wachstum anzukurbeln, und anschließend Wachstum braucht, um die Schulden zurückzubezahlen. Vielmehr gelte es, Reichtum umzuverteilen, schädliche Sektoren zu schrumpfen, nützliche wie die ökologische Landwirtschaft zu fördern und mit einem bedingungslosen Grundeinkommen eine Basis für Gerechtigkeit und Teilhabe zu legen.

Gäste: 
Joan Martinez-Alier, Ökonom, Autonome Universität Barcelona, Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für Ökologische Ökonomik
Transkript: 

Joan Martinez-Alier: In den 1980er Jahren gründeten wir eine Gruppe mit dem Namen »Internationale Gesellschaft für ökologische Ökonomik«. Aber auch schon früher gab es einzelne Wissenschaftler, die die Wirtschaft dafür kritisieren, dass sie völlig blind ist gegenüber natürlichen, biologischen Tatsachen. Anstatt die Ökonomie als einen Teil der Ökologie anzusehen, so wie wir das tun, denken sie, dass sie die Wirtschaft aus sich heraus erklären können, als ein geschlossenes System: das System des Marktes. Das ist auch bei den Marxisten so: Sie denken, sie können die Wirtschaft im Großen und Ganzen durch die Wirtschaft selbst erklären: durch Kapitalakkumulation und Krisen. Zwar benutzte Marx selbst den Ausdruck Stoffwechsel, also einen Begriff, der etwas Lebendiges, einen Metabolismus beschreibt, aber diesen Gedanken führte er nicht weiter aus. Wir aber haben diesen Gedanken aufgegriffen und sprechen vom sozialen Stoffwechsel. Nun kritisiert die ökologische Ökonomik nicht nur, sondern wir erarbeiten auch neue Vorschläge zum Umweltschutz oder zur Bewertung der Wirtschaft. Die Wirtschaft sollte anhand von ökologischen und sozialen Indikatoren gemessen werden. Inzwischen kritisieren ja viele Menschen das Bruttoinlandsprodukt, und das ist auch sehr nötig und wichtig. Sogar Nicolas Sarkozy hatte kürzlich eine Kommission eingesetzt, um neue Kriterien zur Messung der Wirtschaft zu entwickeln. Nach seiner Meinung war die Lebensfreude ein viel wichtigeres Kriterium – aber das Ganze war sehr kurzlebig. All die Politiker und Bürokraten in Brüssel reden immer noch vom BIP als der allerwichtigsten Sache. Um die Schulden zu bezahlen, muss die Wirtschaft wachsen – aber wir als ökologische Ökonomen denken, dass das nicht der richtige Weg ist. Es kommt darauf an, wie es den Menschen und der Umwelt geht. Darin liegt der Unterschied. Und ich denke, wir werden mehr. Obwohl wir also für Degrowth sind, müssen manche Dinge auch wachsen – es muss mehr ökologische Wirtschaft geben und organische Landwirtschaft – viele dieser Dinge müssen wachsen.

Ich glaube, wir müssen das kapitalistische System überwinden, das ist offensichtlich. Die Frage ist aber: Warum hat es so lange gedauert, bis wir damit anfangen? In ihrem Eröffnungsvortrag zu dieser Konferenz hat Naomi Klein gefragt: »Warum hat es so lange gedauert, bis der Klimawandel ein Thema der Politik wurde?« Schauen Sie sich an, was in Kopenhagen 2009 passiert ist: Auf der Konferenz haben die Vereinten Nationen letztlich gesagt: Wir können gar nichts tun – und ich befürchte, dass auf dem Klimagipfel, der nächstes Jahr in Paris stattfinden wird, wieder nichts passiert. Praktisch wird also nichts getan, und das zeigt eine Blindheit gegenüber der Wirklichkeit.

Naomi Klein bemerkte auch, dass die kritische ökologischen Bewegung, die in den 1970er Jahren gewachsen war, mit einer neoliberalen Reaktion in den 1980er Jahren konfrontiert wurde. Das hat auch etwas mit dem zu tun, was hier in Deutschland passiert ist: mit dem Ende des Kalten Kriegs. Das wurde dann von Leuten wie Thatcher und Reagan als Triumph des kapitalistischen Wirtschaftssystems hingestellt. Sie dachten, dass ein Problem wie der Klimawandel alleine vom Markt gelöst werden könnte, also getreu dem Programm von Hayek und Milton Friedman. Ihre Religion war der freie Markt. Es standen sich politisch also die ökologische Bewegung und die neoliberale Rechte gegenüber. Heute stehen die Neoliberalen schlecht da, deshalb werden neuerdings Diskussionen mit den Keynesianern geführt, also mit Leuten wie Paul Krugman oder Joseph Stiglitz, von denen viele denken, sie seien irgendwie »netter« als Thatcher. Tatsächlich sind sie aber sehr altmodische Denker – sie sind dafür, mehr Geld auszugeben und steigern dabei die Verschuldung der Staaten, um aus der Krise zu kommen. Also, erst macht man Schulden, um Wachstum zu erzeugen, und dann muss neues Wachstum her, um die Schulden zu bezahlen! Ökologisches Wirtschaften kann weder der neoliberalen noch der Keynesschen Theorie folgen. Wir als Ökologische Ökonomen glauben nicht an eine Lösung durch mehr Schulden. Wir sollten besser ein wenig schrumpfen und dafür die Verteilung der Güter besser organisieren. Ein Thema, das auch auf dieser Konferenz diskutiert wurde, ist das Grundeinkommen. Man kann das mit dem Schulsystem oder dem öffentlichen Gesundheitssystem in den westlichen Ländern vergleichen, also zum Beispiel dem National Health Service in England, wo jeder versorgt wird. Warum machen wir nicht das Gleiche auch beim Grundeinkommen? Jeder bekommt monatlich eine bestimmte Summe, je nach der wirtschaftlichen Situation eines Landes! Ich bin davon überzeugt, dass das kommen wird. Ein Wirtschaftssystem, das sich positiv auf die soziale Lage auswirkt, wäre auch ökologisch sinnvoll: Also weg vom Kapitalismus mit Lohnarbeit, Staatsverschuldung und Besitz. Der Markt ist durchaus sinnvoll, um einige Dinge zu regeln, aber um eine sozial gerechte Wirtschaft zu schaffen, hilft diese Wachstumsmentalität nicht. Und ich glaube, diese Revolution in den Köpfen wird kommen. Sehen Sie sich nur auf diesem Kongress um: Hier treffen sich 3 000 Menschen, und das ist kein Konzert, sondern ein politisches Arbeitstreffen!