10.03.2016

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Extreme Klima-Ungerechtigkeit: Die reichsten 10% für Hälfte der Emissionen verantwortlich / Industrienationen müssen bis 2030 um 80% reduzieren

Die ärmere Hälfte der Menschheit ist nur für 10% der globalen Emissionen verantwortlich, während die reichsten 10% die Hälfte aller Emissionen produzieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Organisation Oxfam. Tim Gore, der Autor der Studie, betont, dass die am wenigsten Verantwortlichen zugleich die Auswirkungen der Klimakrise am härtesten zu spüren bekommen. Klimagerechtigkeit bedeutet daher, dass vor allem die Reichen ihre Emissionen rasch verringern und zugleich Finanzen für Anpassungsmaßnahmen bereitstellen. Doch statt der notwendigen Reduktion vom 80% bis 2030 hat die EU bisher nicht einmal die Hälfte angeboten. Anstelle der erforderlichen 1,5 Billionen Dollar pro Jahr für Anpassung und Strukturwandel ist bei den Klimaverhandlungen nur von 100 Millarden die Rede – deren Bereitstellung außerdem noch fragwürdig ist.

Gäste: 
Tim Gore, Oxfam International, Autor der Studie "Extreme Carbon Inequality"
Pablo Solón, ehem. Chef-Klimaunterhändler für Bolivien
Alice Bows-Larkin, Klimawissenschaftlerin, Tyndall Centre (GB)
Kevin Anderson, Klimawissenschaftler, Co-DIrektor des Tyndall Centre
Janet Redman, Institute for Policy Studies, Washington D.C.
Transkript: 

David Goeßmann: Eine neue Studie der Organisation Oxfam zeigt, dass die ärmere Hälfte der Bevölkerung – also 3,5 Mrd. Menschen – nur für 10% der globalen Treibhausgase verantwortlich ist. Die reichsten 10% dagegen verursachen rund 49% der Emissionen. Die Organisation spricht daher von extremer Ungleichheit. Wir sprachen unter anderem mit Tim Gore, dem Autor der Studie.

Tim Gore: Der Klimawandel wurde über einen langen Zeitraum als ein reines Umweltproblem betrachtet; da geht es um den Planeten, um die Wälder, um Eisbären. Doch seit einigen Jahren sprechen wir endlich davon, dass es hier um die Menschen geht. Es geht hier vor allem um die Ärmsten unter uns – die am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich sind. Es geht um ihr Leben, und ihre Rechte. Da ist einiges in Bewegung geraten. Inzwischen sprechen wir davon so, dass wir den Klimawandel als solches gar nicht von der Thematik der Armut getrennt betrachten können. Der Klimawandel ist im Kontext anderer großer Herausforderungen zu verstehen; sowohl in Industrie- wie auch in Entwicklungsländern. Die steigende Ungleichheit ist ein Problem in fast jedem Land weltweit. Und sie ist mit der Klimakrise verknüpft. es geht jetzt also darum, wie man die Zusamenhänge zwischen diesen beiden Thematiken besser verstehen kann. Am Ende des Tages ist es so: Solange wir den Klimawandel und die Ungleichheit nicht gleichzeitig angehen, kann man weder das eine noch das andere lösen. Wir müssen also verstehen, wir diese beiden verknüpft sind.

David Goeßmann: Sie haben kürzlich die Studie "Extreme Carbon Inequality" veröffentlich. Was bedeutet 'carbon inequality' (CO2-Ungleichheit) und was ist ihr Fazit?

Tim Gore: Wir haben die Frage untersucht, in welchem Maße verschiedene Menschen Verantwortung für die CO2-Emissionen tragen. Wir bewerten und vergleichen Länder und zeigen, wie hoch jeweils die CO2-Emissionen im Verhältnis zu unterschiedlichen Lebensstandards sind – ihr Lebensstandard, mein Lebensstandards, von Reichen und Armen, und das in vielen Ländern weltweit. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass die 10 reichsten Prozent der Menschenheit – wo immer sie leben – für die Hälfte der globalen Emissionen verantwortlich sind. Dem Gegenüber stehen die ärmsten 50% – die ärmste Hälfte der Bevölkerung –, die für gerade mal 10% verantwortlich sind. Das ist eine extreme Ungleichheit, die wir hier sehen.

David Goeßmann: Wie viele Menschen stecken hinter diesen Zahlen?

Tim Gore: Die ärmste Hälfte der Bevölkerung weltweit entspricht 3,5 Mrd. Menschen. 3,5 Mrd. Menschen sind also für gerade mal 10% der weltweiten Emissionen verantwortlich. Die reichsten 10% entsprechen etwa 700 Mio. Menschen. Ein verhältnismäßig kleiner Teil der Menschheit, der dieses Problem antreibt. Aber dennoch sind es viele Menschen, 700 Millionen; wir reden hier also nicht nur von Millionären, die in ihrem Privatjet um die Welt fliegen. Wir reden von vielen Menschen vor allem in den am meisten entwickelten Ländern weltweit. Die Studie zeigt auf der anderer Seite, dass der größere Teil der Bevölkerung, der ärmste Teil der Menschheit, kaum zum Klimawandel beiträgt. Ihr Einfluss ist vernachlässigbar. Man hört immer wieder, dass das Bevölkerungswachstum ein Problem darstelle, und zwar besonders in den ärmeren Ländern, dass es den Klimawandel anheize.. Unsere Zahlen zeigen aber, dass hier nicht wirklich ein Zusammenhang besteht. Die Bevölkerung nimmt in den ärmeren Ländern am schnellsten zu, aber ihre Emissionen sind nicht das Problem, sondern die Emissionen der reichen Menschen. Die Tragik hierbei besteht darin, dass die Ärmsten unter uns nicht nur am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich sind, sondern auch am stärksten unter den Auswirkungen leiden. Sie leben in Ländern, die sehr exponiert sind gegenüber Überschwemmungen, Dürren, extremen Wetterlagen oder Veränderungen in den Jahreszeiten. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass innerhalb dieser armen Länder wiederum die Ärmsten am meisten unter dem extremen Wetter leiden. Das ist die andere Seite dieser Ungerechtigkeit. Sie sind nicht nur am wenigsten verantwortlich, sondern auch am meisten davon betroffen. Wir wollen also dafür kämpfen, dass die Klimaverhandlungen diese Menschen berücksichtigen. Wir brauchen beispielsweise viel mehr Finanzmittel, die den ärmsten Menschen helfen, sich an die durch den Klimawandel veränderte Umwelt anzupassen. Wir müssen sicherstellen, dass die Hilfe sie erreicht; und dass sie umfangreich genug ist, um ihnen wirklich zu helfen. Zum Beispiel Kleinbauern, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen; die Jahreszeiten verändern sich; es wird schwieriger zu wissen, wann es regnet. Sie brauchen mehr Rat, mehr Unterstützung, um damit umzugehen. Das ist einer der Kernpunkte, über den wir auf jeden Fall mehr diskutieren wollen. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass die Emissionen schnell genug reduziert werden, damit wir kein Niveau an Temperaturanstiegen erleben, bei dem eine Anpassung unmöglich wird. Offen gesagt: Wir sind derzeit sehr besorgt, weil wir nicht erkennen können, dass die Interessen der Ärmsten an erster Stelle stehen.

Pablo Solón: Ich habe bei der Klimakonferenz in Cancun folgendes erlebt: Nur einige Stunden bevor das Abkommen von einer Mehrheit angenommen worden war – außer von Bolivien,– sagten viele Länder, dass sie den Deal unfair fänden nicht akzeptieren würden. Dass er die Situation verschlimmern würde, zum Beispiel für Afrika. Aber dann, als es Mitternacht wurde, haben genau dieselben Länder für das Abkommen gestimmt. Ich habe das Gespräch mit einigen Vertretern dieser Länder gesucht; wir hatten kurz zuvor in einer Pressekonferenz noch gemeinsam gegen das Abkommen plädiert! Und jetzt, kurz darauf, akzeptieren sie es. Sie sagten mir: „Wir haben eine Anruf aus der Hauptstadt erhalten“.Unterhändler folgen ihren Anweisungen. Ich habe sie gefragt, welchen Druck sie von ihren Regierungen erhalten hätten. Einer, er kam aus Afrika, meinte: „Das Problem ist, dass viele unserer Stellen in der Regierung von der EU finanziert werden. Und die EU hat uns gedroht“ – ich zitiere hier – „finanziell gedroht. Das hätte natürlich schlimme Konsequenzen.“ Seine Regierung sagte ihm also, dass er für das Abkommen stimmen solle, sonst hätte er kein Einkommen mehr. Niemand von seinen Kollegen hätte dann noch ein Einkommen. Diese Art von Erpressung ist Teil der Verhandlungen. Wenn ich noch Chefunterhändler wäre, würde ich definitiv genauso handeln wie damals in Cancun. Wir können nicht noch einmal ein Abkommen akzeptieren, das uns direkt in einen Genozid, einen Ökozid führt.

Alice Bows-Larkin: Wir befassen uns mit den Pro-Kopf-Emissionen in Ländern, die sich gerade industrialisieren. Eine Herangehensweise ist, dass man sich dabei auf das Staatsgebiet beschränkt. Bei dieser Rechenweise sind die Pro-Kopf-Emissionen Indiens immer noch sehr niedrig. Diejenigen Chinas aber kommen dann durchschnittlich den Werten eines EU-Bürgers nahe. Die andere Herangehensweise ist die Berechnung der Emissionen basierend auf dem Konsumverhalten. Dabei beziehen wir das CO2 unserer konsumierten Güter mit ein. So berechnet, sind die Pro-Kopf-Emissionen Chinas um einiges niedriger als diejenigen der EU. Indiens Werte sind in jedem Fall sehr niedrig. Chinas und Indiens Emissionen sind also niedrig, wenn man sich die Emissionen pro Kopf ansieht – ein wichtiger Unterschied, wenn man Gerechtigkeit ernst nimmt. Auch ihre historische Verantwortung ist natürlich um vieles geringer. Auf der anderen Seite verbleibt uns global in einem 2-Grad-Szernario nur ein sehr geringes CO2-Budget. Und jedes größere Land, das in absoluten Zahlen hohe Emissionen hat, wird sein CO2-Budget relativ schnell aufbrauchen, gerade wenn es sich entwickelt. Die Frage, die sich stellt, ist daher: Wie können sich diese Länder trotzdem industrialisieren? Zumal ihre Pro-Kopf-Emissionen und ihr Lebensstandard wesentlich niedriger sind als in der EU, den USA oder Australien. Wie ist das 2°-Ziel trotzdem haltbar? Wir sind so im Verzug mit den Maßnahmen, dass inzwischen auch von Indien und China erwartet wird, ihre Emissionen zu reduzieren. Wenn wir aber Gerechtigkeit wirklich ernst nehmen, dann müssen reichere Länder – die USA, die EU, Australien, Kanada, Japan – noch viel größere Reduktionen vornehmen. Wir haben das Problem erschaffen. Aber wir erwarten von anderen, sich entwickelnden Ländern, dass sie denselben Anteil zur Lösung beitragen. Am Ende ist es eine moralische Frage, ob das wirklich sinnvoll ist, so vorzugehen.

Kevin Anderson: Der Weltklimarat hat errechnet, welche Menge CO2 zwischen 2011 und 2100 ausgestoßen werden darf. Allein von 2011 bis heute haben wir bereits 150 Mrd. Tonnen CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen – das sind 15 % der noch verbleibenden Menge für das 2-Grad-Ziel. Wir brauchen unser Budget also sehr schnell auf. Wenn man dann noch die weitere Abholzung von Wäldern, den Zement zur Schaffung einer kohlenstoffarmen Infrastruktur und für die Industrialisierung der ärmeren Länder mit einbezieht, dann haben wir eigentlich viel weniger Spielraum bei der Emission als ursprünglich vom Weltklimarat angenommen. Wenn diese Menge dann unter den Ländern der Welt aufgeteilt werden soll und wir ein Mindestmaß an Gerechtigkeit walten lassen, dann muss in den reichen Ländern der Welt bis 2030 eine Reduktion um mindestens 80 % erfolgen. Bis etwa 2035 müssen wir in den Industrieländern mehr oder weniger kohlenstofffrei sein und in den ärmeren Ländern bis ca. 2050. Das sagen nicht nur wir. Wir haben gestern zusammen mit dem Tyndall Center und dem Global Carbon Project eine gemeinsame Veranstaltung abgehalten. Die Daten des Global Carbon Project legen sehr ähnliche Schlussfolgerungen nahe: Die von der EU anvisierte Zahl von 40 % ist nicht einmal die Hälfte des Beitrags, den die EU gerechterweise zur Erreichung des 2° C-Ziels leisten müsste.

Pablo Solón: Das Prinzip der „gemeinsamen aber unterschiedlichen“ Verantwortung ist in den Klimaabkommen verankert und es stellt klar, dass Länder mit einer historischen Verantwortung der Emissionen, also die Verursacher, auch als erste ihre Emissionen reduzieren und die Finanzierung der ärmeren Länder sicherstellen müssen. In Paris wurde nun versucht, diesen historischen Unterschied zwischen entwickelten und sich entwickelnden Ländern zu verwischen. Das Prinzip der gemeinsamen aber unterschiedlichen Verantwortung (CBDR) wird zwar noch erwähnt, aber insgesamt ist der Text eher nach dem Prinzip „Wir machen das alle gemeinsam“ aufgebaut - ohne darauf einzugehen, dass zwar alle ihren Beitrag leisten müssen, aber manche eben gemäß ihrer historischen Verantwortung einen größeren Beitrag als andere.

Janet Redman: Es werden etwa 1,5 Billionen Dollar benötigt, um die Wende von einer Weltwirtschaft, die auf fossilen Brennstoffen beruht, zu einer klimastabilen und CO2-freien zu vollziehen. Die Zahlen, die in den Klimaverhandlungen zur Diskussion stehen, liegen aber deutlich darunter. Die 100 Mrd. Dollar, über die wir sprechen, wurden auf der Klimakonferenz von Kopenhagen als erstrebenswertes Ziel festgelegt, das bis 2020 erreicht werden soll. Allerdings spielen sprachliche Feinheiten eine Rolle: Das Geld soll „mobilisiert“ werden, was nicht mit „bereitstellen“ gleichzusetzen ist. Momentan wird darüber diskutiert, ob diese 100 Mrd. Dollar nur als Ausgangsbasis gesehen werden sollen und Industrieländer das weiter aufstocken müssen – oder aber ob wir die Finanzierung offen halten und sagen: „Jeder, der etwas beitragen möchte, kann das tun, egal wie viel, über jeglichen Mechanismus, ob Privatwirtschaft oder Steuergelder, über den Markt finanziert oder aus den öffentlichen Töpfen der Allgemeinheit“. Aber das ist inakzeptabel. Das ist nicht zielführend, das wissen wir. Nur über öffentliche Gelder locken wir private Investitionen an, fördern Innovationen in den richtigen Branchen. Die Privatwirtschaft muss Teil der Lösung sein, aber sie kann nicht die Aufgaben der Regierung übernehmen.