04.07.2014

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Die Stadt als Raum des Kapitals: Wie WM und Olympia die Demokratie verdrängen / Baukonzerne als Hauptprofiteure

Die WM in Brasilien gilt als die teuerste aller Zeiten. Der brasilianische Staat hat mehr als zehn Milliarden Euro für die WM ausgegeben, während in Bereichen wie Gesundheit und Bildung lebensnotwendige Investitionen fehlen. Drei der Stadionneubauten sind in Städten entstanden, in denen es nicht einmal einen Drittliga-Fußballclub gibt – ein Milliardengeschäft für große Baukonzerne wie Odebrecht, die auch zu den wichtigsten Wahlkampffinanziers von Regierung und Opposition gehören. Sportliche Megaevents würden, so Thomas Fatheuer, benutzt, um eine massive Kommerzialisierung von Städten durchzusetzen. Die Stadt werde zu einem Verwertungsraum für das Kapital umgebaut, anstatt zu einem Raum der Partizipation von Bürgern. Auch die Fifa-Regeln würden Partizipation und Demokratie zurückdrängen, z.B. durch Sondergesetze zum Ausschluss lokaler Händler.

Gäste: 

Thomas Fatheuer, Sozialwissenschaftler und Buchautor, bis 2010 Leiter des Büros der Heinrich-Boell-Stiftung in Rio de Janeiro

Transkript: 

Fabian Scheidler: Die WM gilt ja als die teuerste WM aller Zeiten. Die Regierung hat bisher mindestens zehn Milliarden Euro aus öffentlichen Geldern ausgegeben für Stadien, von denen viele nur für die Weltmeisterschaft taugen, Flughäfen und weitere Infrastruktur. Bei großen Baukonzernen, darunter auch deutschen Firmen, herrscht Goldgräberstimmung. Zugleich sind das öffentliche Gesundheits-, Bildungs- und Transportsystem teilweise in sehr schlechtem Zustand. Wer genau profitiert von dieser WM? Und wer zahlt am Ende die Zeche?

Thomas Fatheuer: Knapp ein Drittel der Gesamtkosten gehen in den Stadienbau. Nun haben wir aber in drei Städten sehr teure Stadien, in denen kein Erst-Liga-, kein Zweit-Liga- und kein Dritt-Liga-Verein existiert: Manaus, Curitiba und Brasilia. Brasilia war das teuerste Stadium mit über 500 Milionen Euro, teurer als jedes Stadium bei der deutschen WM, in einer Stadt, in der nicht einmal Dritt-Liga-Verein existiert. Dann haben wir zwei weitere Städte, in denen zwar Erst- und Zweit-Liga-Vereine existieren, in denen diese Vereine aber erklärt haben, sie wollen diese Stadien nicht nutzen. Wir haben als fünf Städte von zwölf, in denen eine angemessene Nach-Nutzung nicht absehbar ist. Und wir haben das Maracana-Stadion, das mit einem Riesenaufwand umgebaut worden ist: Eliminierung der Stehplätze, Anlegung von über 100 Luxus-Logen, Reduzierung der Plätze von einst 190.000 auf 78.000. Der Umbau hat 400 Mio. Euro verschlungen und wird von den meisten Menschen in Rio abgelehnt. Das ist schon ein Desaster: Sechs Stadien, bei denen der Nutzen dieser Ausgaben außerhalb des Horizonts der WM praktisch gleich Null ist. Wer von all dem eindeutig nicht profitiert hat, das sind die normalen Fußballfans in diesen Städten. Die Baufirmen dagegen haben enorm profitiert. Baukonzerne gehören in Brasilien zu den ganz großen ökonomischen und politischen Playern. Odebrecht – vielleicht der bekannteste Name – hat den Umbau des Maracana geleitet. Der Umbau ist mit öffentlichen Geldern finanziert worden, aber die Nutzung wurde für 160 Mio. Euro an ein privates Konsortium unter Führung von Odebrecht vergeben. Da sind die Baufirmen ganz klar als Gewinner zu sehen. Die Baukonzerne gehören auch zu den größten politischen Spendern im Wahlkampf. Sowohl die Opposition als auch die Regierungspartei hängen relativ stark von den großen Baukonsortien ab. Noch dazu ist zu sagen, dass die Stadienbauten fast dreimal so teuer geworden sind wie ursprünglich geplant, und man sich fragen muss, warum eigentlich? Der zweite ganz große Posten waren die Flughäfen. In zwölf Städten sind die Flughäfen modernisiert worden. Es gibt Städte wie Sao Paolo, wo das überfällig war, in anderen eher nicht, in jedem Fall ist der Flugtransport nicht gerade der populäre Massentransport. Auch da profitiert eher die Betreiberfirma – denn die Flughäfen sind teilprivatisiert worden –, es profitiert die Mittel- und Oberschicht, die fliegt, aber nicht die breite Masse der Bevölkerung.

Fabian Scheidler: Die FIFA hat in Brasilien, ähnlich auch wie vor vier Jahren in Südafrika, eine Art Staat im Staate durchgesetzt. Steuerbefreiung, nicht nur für die FIFA, sondern auch für die Sponsoren, Ausschluss lokaler Händler in einer Zone rund um die Stadien, Sondergesetze, die demokratische Rechte einschränken. Welche Rolle spielt die WM für die Demokratie in Brasilien?

Thomas Fatheuer: Der Generalsekretär der FIFA, Jérôme Valcke, soll etwas gesagt haben, was in Brasilien zu großer Unruhe geführt hat: „Demokratie macht solche WMs schwierig. Es ist in einem Land wie Russland mit einem Putin einfacher, eine WM zu organisieren, als in Brasilien oder Deutschland.“ Das heißt, für diese Art von FIFA-WM ist tatsächlich Demokratie schädlich. Wenn ein Land sich bewirbt, muss es erklären, dass es die Vorgaben, die Sie zitiert haben, erfüllt, z.B. die Steuerbefreiung. Die Niederlande und Belgien haben sich bei dem letzten Zyklus neben Russland und Qatar beworben, allerdings erklärten sie, dass sie demokratisch verfasste Länder sind, in denen sie die Sonderregeln nicht garantieren können, sondern höchstens im Parlament vorschlagen. Daraufhin ist ihre Bewerbung nicht berücksichtigt worden. Ich glaube, der Konflikt zwischen Demokratie und FIFA-Regeln wird immer deutlicher. Brasilien wurde gezwungen, eine ganze Reihe von Maßnahmen zu erlassen, die mit der Aussicht auf das Mega-Event einfach durchgepaukt werden sollten. Es gilt in Brasilien z. B. Alkoholverbot in Stadien, das musste geändert werden. Die Sonderzonen um die Stadien schließen Straßenhändlern vom Verkauf aus, das ist natürlich in einem Land wie Brasilien viel extremer als in Deutschland, weil dort Tausende von lokalen Händlern ihrer Einkommensmöglichkeit beraubt werden. Eine WM, die darauf setzt, ausgerechnet den lokalen Handel auszuschließen, hat natürlich ein Demokratie-Problem. Brasilien könnte ein Wendepunkt werden, wenn man sagt: Dieses Modell darf und kann nicht so weiter betrieben werden. Die Erfahrung, dass das zu Protesten, zu Rebellion beiträgt, wird in Zukunft die Regierungen zweimal überlegen lassen, ob sie tatsächlich, wenn sie denn demokratisch verfasst sind, solche Blankovollmachten geben wollen, die im Grunde genommen die Demokratie in Geiselhaft nehmen.