09.12.2014

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Von freier Software zu "Open Source Hardware": Die Peer-to-Peer-Ökonomie als Alternative zu Markt und Staat

In den vergangenen 20 Jahren ist im Bereich der freien Software-Entwicklung ein internationales Netzwerk entstanden, das patentfreie, offene Programme und Betriebssysteme wie Linux entwickelt. Aufbauend auf den Prinzipien des geteilten Wissens und der Gemeingüter (Commons) hat sich mittlerweile auch ein weltweites Netzwerk zur Herstellung von Gebrauchsgütern (Open Source Hardware) gebildet. Michel Bauwens, einer der führenden Pioniere auf diesem Gebiet, sieht darin eine Keimform für eine andere Wirtschaft und Gesellschaft jenseits von Markt und Staat, die auf frei zugänglichem Wissen und einer dezentralen Verteilung von Produktionsmitteln beruht.

Gäste: 
Barbara Muraca, Philosophin an der Universität Jena, Autorin des Buches "Gut Leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums"
Michel Bauwens, Gründer und Direktor der Peer-to-Peer Foundation (P2P)
 
Transkript: 

Michel Bauwens: Es gibt verschiedene Definitionen davon, was „Peer to peer“-Produktion ist, darunter auch einige, die ich ablehne. In Deutschland oder den Niederlanden zum Beispiel meinen manche Leute mit „peer to peer“ so etwas wie den privaten Untermietmarkt AirBnB, wo Leute direkt etwas mit einander tauschen können. Doch das ist letztlich auch nur ein Markt. „Peer to peer“ in unserer Definition bedeutet etwas anderes: die Fähigkeit von Menschen, frei zu einem Projekt der Commons, also der Gemeingüter beizutragen. Im Speziellen meinen wir damit zum Beispiel geteiltes, frei zugängliches Wissen, geteilte, frei zugängliche Computercodes oder geteilte, frei zugängliche Baupläne. Daher ist es, um von Peer-Produktion sprechen zu können, wichtig, dass man überhaupt erstmal ein Gemeingut hat, zu dem Fachkollegen dann beitragen können; denn in einem Marktaustausch gibt es kein Gemeingut, sondern private Produktion. Das ist eine sehr wichtige Unterscheidung. Das heute existierenden Peer-to-Peer-Netzwerk erlaubt es mehr und mehr Leuten, nicht nur miteinander zu kommunizieren, sondern das Netz als Produktionsmittel zu nutzen, als eine Möglichkeit, gemeinsam Werte zu schaffen, Gemeinschaften zu schaffen und um diese Gemeinschaften herum Ökonomien – denn Gemeinschaften und Menschen haben Bedürfnisse. Peer-to-Peer-Produktion begann mit Software, denn Software ist immateriell, und deswegen sozusagen eine tief hängende Frucht, die man leicht pflücken kann. Es fing mit Leuten wie Richard Stallman und Linus Torvalds, dem Gründer des Linux-Projektes, an, dann bewegte es sich in Richtung von „Open Design“, also von offenen Bauplänen – und Baupläne bedeuten auch Produktion. Die Idee wird besonders mächtig, wenn man bedenkt, dass geteiltes Wissen sich mit Produktionsmitteln verbinden kann, die ebenfalls dezentral verteilt sind. Es gibt jetzt zum Beispiel eine neue Art von Maschinen wie Lasercutter und 3-D-Drucker, mit denen man Autos wie das Wikispeed-open-source-Auto herstellen kann. Es gibt inzwischen mindestens 26 Open-source Autoprojekte.
Im Zentrum solcher Projekte steht eine Gemeinschaft von Menschen, die, ohne irgendjemanden um Erlaubnis zu fragen, etwas beitragen: Computercodes, Wissen oder Baupläne zu einem gemeinschaftlichen Pool. Innerhalb dieses gemeinschaftlichen Pools gibt es Leute, die die Qualität der Beiträge sicherstellen. Die besten Entwickler und Softwareentwickler werden zu so etwas wie „Koordinatoren“. Da diese Leute von etwas leben müssen, haben sie zwei Möglichkeiten. Die eine besteht darin, dass sie in einem normalen profitorientierten Unternehmen arbeiten, was für mich ein bisschen problematisch ist, denn das heißt, dass man zwar Gemeingüter herstellt, aber davon letztlich nicht leben kann. Um zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, muss man in diesem Fall immer noch seine Arbeitskraft für das Kapital zur Verfügung stellen. Die andere Möglichkeit, die ich vertrete, ist, dass man eine ethische Ökonomie mit offenen Kooperativen um diese Gemeinschaften herum schafft. In einer offenen Kooperative oder Genossenschaft ist die Gemeinwohlorientierung in den Statuten verankert. Es geht also darum, ein soziales Gut zu schaffen, das der Menschheit nützt. Jeder, der von einer bestimmten Aktivität betroffen ist, hat ein Mitspracherecht; man produziert Gemeingüter, und nicht privatisiertes Wissen; und: Das Ganze ist global. Daher kann es eine Art Gegenmacht zu den privaten transnationalen Konzernen schaffen. Uns geht es also darum, um diese offene Produktion herum eine neue Art von ethischer Marktökonomie zu schaffen, wo das, was wir die Externalitäten nennen – also die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft – nicht vernachlässigt werden, sondern von den Kooperativen miteinbezogen werden. Man muss bei alledem eine Unterscheidung treffen zwischen dem, was wir “nicht-rivale“ Güter nennen – Güter also, die, wenn ich sie nutze und du sie nutzt, immer noch da sind, zum Beispiel Musik oder Computercodes – und Gütern, deren Gebrauch die Nutzung durch andere behindert oder verhindert. Wenn ich deinen Computercode benutze, hast du deinen immer noch. Daher gibt es keinen Grund für einen Markt, man kann ihn einfach abschaffen. Märkte funktionieren nur dort, wo es Knappheit gibt. Bis heute ist Essen immer noch knapp, wie auch Obdach. Daher müssen wir eine Synergie finden zwischen der offenen Peer-Produktion von immateriellen Gütern und den physischen Aktivitäten der Kooperativen, die Güter am Markt verkaufen. Ich habe eine Idee, die jedoch noch nicht angewendet wurde, und zwar eine neue Art von Lizenz. Diese Lizenz besagt, dass jeder, der auf Profit aus ist und nicht zu den Gemeingütern beiträgt, eine Lizenzgebühr bezahlen muss. Damit würde man um die Gemeingüter herum eine Nachfrage für so etwas wie Gegenseitigkeit schaffen. Um vom Wachstum wegzukommen und zu Degrowth zu gelangen, muss man die Art der Produktion ändern. Dafür gibt es einige Argumente. Wenn man in einem profitorientierten Unternehmen eine Innovation in Gang setzt, dann tut man es für den Markt – und das bedeutet, dass man diese Erfindung verknappen muss. Man schafft im Grunde einen künstlichen Mangel. Das Ergebnis ist Geplante Obsoleszenz, also eine vorsätzlich verringerte Lebensdauer. Das ist kein Defekt der Produkte, sondern eine Eigenschaft. Alles, was heute produziert wird, wird gemacht, um zerstört zu werden. Wenn man einen Computer kauft – selbst wenn es ein „grüner Computer“ ist –, wird man feststellen, dass er nach zweieinhalb Jahren anfängt kaputt zu gehen. Er wurde so entwickelt, dass er kaputt geht, damit man einen neuen Computer kauft. Oder iPhones. Ein iPhone kann man einhundertfünfzig Mal aufladen, dann geht es kaputt, und man kann den Akku nicht einmal selbst ersetzen, denn er ist verlötet. Das wird alles so entworfen, sodass man kauft und kauft und kauft, und das ist für die Nachhaltigkeit sehr schlecht.
Nun stelle man sich vor, man hat eine Gemeinschaft, die eine Innovation wie das Wikispeed-open-source-Auto schafft, das fünfmal weniger Treibstoff braucht als jedes Auto etwa in Detroit. Der Grund dafür liegt darin, dass die Gemeinschaft keinen Grund dafür hat, nicht-nachhaltige Modelle zu produzieren. Es ist auf organische Weise  nachhaltig, denn es ist ein Modell, das von der Gemeinschaft entworfen wurde. Es ist außerdem modular aufgebaut und für eine dezentral verteilte Herstellung entworfen. Man kann es also überall in der Welt mit einer Mikrofabrik herstellen, mit 3-D-Druckmaschinen, und man setzt es zusammen wie Lego. Man kann auf diese Weise Traktoren produzieren, oder Kleintransporter. Da die Investitionen so niedrig sind, muss man nicht in Masse produzieren. Keine Massenproduktion heißt keine Massenvermarktung. Also hat man eine Ökonomie, die von der Nachfrage angetrieben wird, anstelle einer Ökonomie, die vom Angebot angetrieben wird.
Nun stelle man sich vor, dass man die Autos auch noch gemeinsam nutzt, statt sie individuell zu kaufen.  Car-sharing vermindert den Verbrauch an Energieressourcen um 80 Prozent. Wenn man sich dazu noch vorstellt, dass man nicht das übliche, wachstumstreibende Geldsystem nutzt, sondern ein wechselseitiges Kreditsystem, und alle diese Elemente zusammenfügt, dann kann man zwar nicht so viele Produkte herstellen wie im bisherigen System, aber man kann die sozialen Bedürfnisse mit einem viel, viel geringeren Ressourcenverbrauch befriedigen. Wichtig dabei ist auch die Gemeinschaftsdynamik, die Dynamik der Commons, die sich von der Marktdynamik unterscheidet. Zum Beispiel hat sich gezeigt, dass in Car-sharing-Gemeinschaften die Leute um 30 Prozent weniger fahren. Es sind also unterm Strich mehr als 80 Prozent Ressourceneinsparung, denn man kann auch eine Veränderung im Verhalten feststellen. Wenn es gut gemacht ist, wenn es sich nicht um ein profitorientiertes Car-sharing System handelt, sondern auf der Logik von Gemeingütern beruht, dann sorgen die Leute auch für diese Gemeinschaft und das Ganze bekommt eine andere Dynamik. Ich denke, dass es für eine Abkehr vom Wachstum essentiell ist, dass wir zu dieser neuen Art von Produktionsbeziehungen übergehen, die sich am Nutzen und am Gemeinwohl orientieren und nicht am Profit. Das ist natürlich ziemlich anders als das, was wir heute haben.