23.10.2014

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Die Geburt des Kapitalismus: Konterrevolution gegen egalitäre Bewegungen

In ihrem Klassiker "Caliban und die Hexe" geht Silvia Federici den Ursprüngen des Kapitalismus im 14. bis 16 Jahrhundert nach. Der Kapitalismus sei nicht, wie immer wieder behauptet wird, eine Befreiung von den Fesseln des Feudalismus gewesen, sondern eine Form der Konterrevolution gegen die massiven sozialen Bewegungen, die sich damals – angefangen vcn den Armutsbewegungen des Spätmittelalters bis zu den Bauernkriegen der Reformationszeit - überall in Europa ausbreiteten. Das Motto Thomas Müntzers "Omnia sunt communia" - "Alles gehört allen" - steht exemplarisch für diese Bewegungen und schlägt eine Brücke zu der heutigen Commons-Bewegung.

Gäste: 

Silvia Federici, Prof. em. für Politische Philosophie an der Hofstra University, Long Island, New York; Buchautorin ("Caliban und die Hexe")

Transkript: 

Kontext TV: Eine der spannendsten Thesen in Ihrem Buch „Caliban und die Hexe“ ist der Gedanke, dass der Kapitalismus historisch nicht entstanden ist, um die Ketten des Feudalismus zu sprengen, wie häufig behauptet wird, sondern um die egalitären Massenbewegungen zu bekämpfen, die Europa vom 14. bis 16. Jhd. erfasst haben. Können Sie etwas zu diesen Bewegungen sagen und erklären, wie der Kapitalismus sie unterdrückt hat?

Federici: Das ist ein weites Feld. Zunächst bin ich durch meine Forschung auf den Kampf gegen den Feudalismus aufmerksam geworden, gegen die Feudalherren und gegen die Frühform der Kommerzialisierung des Lebens, verkörpert durch die Händler und die Kirche, die beide Teil desselben Machtgefüges waren. Zwar gab es auch zwischen ihnen Konflikte, aber im Grunde genommen standen sie auf einer Seite. Ich würde sagen, sie hatten sich schon seit dem 13. oder 14. Jhd. im Kampf gegen die Bauern und Handwerker verbündet. Ich habe auch die Reformationsbewegung betrachtet, die diesem Kampf gewissermaßen eine einende Vision verlieh. Denn die Reformatoren vertraten eine egalitäre Weltsicht. Sie sagten, Jesus besaß kein Eigentum; sie sagten: die Kirche macht die Sakramente zur Ware. Das wollen wir nicht. Sie bedienten sich der Sprache der Religion, um sehr konkrete soziale Probleme anzugehen. Und Frauen genossen in der Reformationsbewegung eine größere Gleichberechtigung gegenüber dem Mann. Sie durften Sakramente empfangen, was sehr wichtig war. Und dann entbrannten im 16. Jahrhundert die Bauernkriege, in denen all diese Elemente zusammenkamen. Zum Beispiel der sogenannte deutsche Bauernkrieg, in den nicht nur Bauern, sondern auch Bergarbeiter, Handwerker und Künstler verwickelt waren. Viele berühmte deutsche Künstler kämpften in diesem Krieg und starben schreckliche Tode. Ich trage übrigens gerade dieses T-Shirt, das von der Gruppe Traficantes de Sueños aus Madrid hergestellt wurde und die Werke von Thomas Müntzer, dem Anführer des deutschen Bauernkriegs zeigt. Er sagte vor seinem Tod: „Omnia sunt communia“ - „Alles gehört allen.“ Dadurch ist mir klar geworden, dass der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus kein evolutionärer Prozess war und genauso wenig der Schritt zu einer höheren Gesellschaftsform. Ich bezeichne den Kapitalismus als Konterrevolution. Er stand aus einer Reihe von Strategien, derer sich die Feudalherren, die Händler und die Kirche bedienten, um die Herrschaft über die Arbeit wiederzuerlangen und eine ganze Bevölkerung von Bauern und Handwerkern wieder in ihre Gewalt zu bringen, die im 16. Jahrhundert organisiert gegen ihren Machtanspruch rebellierten.