30.09.2014

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"Wir brauchen ein neues Wirtschaftsmodell": Naomi Klein über Klimachaos, die Grenzen des Wachstums und eine neue globale Bewegung

Wenn wir den derzeitigen Wachstumspfad fortsetzen, wird sich laut Weltbank und Internationaler Energieagentur die Erdatmosphäre bis 2100 um vier bis sechs Grad erwärmen. Was wir angesichts des sich abzeichnenden Klimachoas brauchen, so Naomi Klein, sei ein neues Wirtschaftsmodell. Die deutsche Energiewende etwa drohe an den Zugeständnissen der Regierung Merkel an die Kohle- und Autolobby zu scheitern. Nur eine globale Bewegung, die sowohl Alternativen von Grund auf entwickelt als auch entschlossenen Widerstand gegen die fossilen Industrien leistet, könne den notwendigen Wandel herbeiführen.

Gäste: 

Naomi Klein, Journalistin und Buchautorin ("No Logo", "Die Schock-Strategie", "This Changes Everything")

Transkript: 

Fabian Scheidler: Willkommen bei Kontext TV. Die meisten Politiker und Ökonomen, gleich ob von rechts oder von links, setzen auf Wirtschaftswachstum, um Arbeitsplätze zu schaffen, Staatsschulden abzubauen und Armut zu bekämpfen. Doch angesichts des sich abzeichnenden katastrophalen Klimawandels mehren sich die Stimmen der Zweifler. Hier in Leipzig kamen über 3000 Menschen zur 4. Internationalen Degrowth-Konferenz zusammen, die sich vorgenommen hat, die Vorstellung endlosen Wachstums herauszufordern. Wir sprachen mit Aktivisten, Wissenschaftlern und Philosophen aus vier Kontinenten über Wege aus dem Wachstumsdilemma. Doch zunächst bringen wir einen Ausschnitt aus der Eröffnungsrede der kanadischen Journalistin Naomi Klein, die per Liveschaltung sprach.

Naomi Klein: Ernsthafte Verhandlungen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen begannen auf Regierungsebene 1988. Die ersten Verhandlungen über Kohlendioxid fanden 1990 statt. Und seitdem ist der globale Kohlendioxidausstoß um 61 Prozent gestiegen. Das ist ein Ergebnis, auf das man nicht stolz sein kann. Es ist ein Ergebnis, das – wie uns selbst konservative Prognosen sagen – bis zum Ende des Jahrhunderts zu einer Temperaturerhöhung von vier bis sechs Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau führen wird, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Das sind Voraussagen der Weltbank, der Internationalen Energieagentur und von Price Waterhouse Cooper, es handelt sich also nicht um irgendeine linke Verschwörungstheorie. Diese konservativen Quellen sagen voraus, was passieren wird, wenn wir fortfahren, so zu handeln, wie wir jetzt handeln.

Jeder, der den Fortschritt der Klimaverhandlungen auf allen Ebenen verfolgt, weiß, dass die Verhandlungen jedesmal daran scheitern, dass die Regierungen des Nordens sich ihrer geschichtlichen Verantwortung nicht stellen, eine Verantwortung, die in der UN-Klimakonvention festgehalten ist. Und es wird jedes Jahr schlimmer, nicht besser, weil immer wieder die Belange des Umweltschutzes wegen der angeblich schlechten wirtschaftlichen Lage zurückgedrängt werden.

Wie ihr wisst, befindet sich Deutschland in der weltweit wahrscheinlich spannendsten, und wie ich finde, auch sehr beeindruckenden Energiewende, die dafür gesorgt hat, dass 25 Prozent der Elektrizität des Landes aus erneuerbaren Quellen stammen, zumeist aus Wind- und Sonnenenergie. Noch aufregender aber ist, dass viel davon dezentral organisiert wird und von Energie-Kooperativen und aus kommunal geführten Kraftwerken kommt. Außerhalb Deutschlands wird oft übersehen, dass diese Wende zu einem wichtigen Teil deshalb möglich war, weil hunderte von deutschen Kommunen entschieden haben, ihre Energieversorgung wieder selbst in die Hand zu nehmen, anstatt sie privaten Betreibern zu überlassen. Das läuft in Gemeinden genauso wie in Großstädten, sie haben die Verwaltung der Energienetze erkämpft. Es ist beeindruckend, wie die überwältigende Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner mit diesem Ziel übereinstimmt, und mit etwas Glück werden sie das auch schaffen. Das ist ein deutliches Beispiel dafür, dass die Leute verstanden haben, wie sehr die Interessen der privaten Betreiber, die die Netze an sich gerissen haben, dem öffentlichen Interesse an der Energiewende entgegenstehen. Das Profitinteresse sabotiert diese fantastischen Anstrengungen. Der Impuls, die Energiewende in die eigenen Hände zu nehmen, ergreift mittlerweile auch Nordamerika, wo eine Stadt wie Boulder in Colorado sich dafür entschieden hat, die Kontrolle über das Energienetz zurück zu bekommen.

Trotzdem muss ich auch einige schlechte Nachrichten zu Deutschland loswerden. Denn während Deutschland mitten in dieser bemerkenswerten Wende steckt, steigen die Emissionen seit ein paar Jahren weiter an. Da muss man sich fragen, wie das möglich ist. Es ist einfach nicht genug, ein paar Anreize zu schaffen und gute Programme anzustoßen. Wir brauchen auch Regierungen, die den Mumm haben, den Unternehmen der fossilen Energiewirtschaft ein deutliches Nein zu sagen. Und genau das ist in Deutschland nicht passiert. Immer noch ist die Kohle König, besonders die Braunkohle, die schmutzigste aller fossilen Energieträger; und deshalb werden wir Zeugen einer völlig widersprüchlichen Politik, die auf der einen Seite erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenenergie fördert, aber gleichzeitig auf der anderen Seite die Ausbreitung der Kohleförderung und sogar der Kohleexport unterstützt. Übrigens hat auch das natürlich mit dem so genannten Freihandel zu tun, der es den Staaten immer schwerer macht, den Export fossiler Brennstoffe zu regulieren.

Wenn also unsere Regierungen nicht in der Lage sind, ihre Verantwortung zu übernehmen, weil sie die Fähigkeit verloren haben, Unternehmen gegenüber Nein zu sagen – was sehr viel mit der neoliberalen Ideologie zu tun hat –, dann müssen eben die Menschen an der Basis diese Aufgabe übernehmen. Und das passiert überall auf der Welt: In Kanada ist es der Widerstand gegen die Förderung von Teersanden und die Errichtung riesiger neuer Pipelines; überall auf der Welt regt sich der Widerstand gegen das Fracking; Alberto Acosta hat vom Kampf um den Yasuni- Nationalpark berichtet, wo es darum geht, dass die Menschen an der Basis einfach »Nein« sagen, damit das Öl im Boden bleibt. Gerade sehen wir, wie sich in Deutschland neuer Widerstand formiert, der sich im nächsten Jahr auf das Braunkohleförderungsgebiet im Rheinland in der Nähe von Köln konzentrieren wird. Das ist für die Braunkohleindustrie ein neuralgischer Punkt, und hier wird es Protestaktionen geben. Wir müssen diese Schwachstellen finden, überall auf der Welt, und wir müssen dort Druck machen. Das passiert auch, und ich glaube, das macht das Besondere unserer Bewegung aus. Eine Sache ist es, Zukunftsperspektiven zu entwickeln und alternative Wirtschaftsformen jenseits des Wachstums zu diskutieren, aber das allein reicht nicht aus. Eine andere Sache ist es, diesen Kohlekriminellen das Handwerk zu legen, aber auch das allein genügt nicht. Wir müssen beides zugleich tun. Wir brauchen eine Bewegung, die zugleich aktiv Widerstand leistet und Alternativen entwickelt, und ich glaube, mehr und mehr Menschen begreifen das. Deshalb grüße ich von hier aus all die Aktivistinnen und Aktivisten, die in den kommenden Monaten konkrete Aktionen gegen die Braunkohle planen. Ich hoffe, ihr alle werdet dabei mitmachen.

Jeder, der behauptet, dass es in dieser Lage so etwas wie »sauberes Wachstum« geben kann, dass eine Entkoppelung von Wachstum und Umweltzerstörung möglich ist, hat sich die Zahlen nicht genau angeschaut. Wenn wir fünfzig Jahre zur Verfügung hätten, wäre so etwas vielleicht möglich, aber nicht in einem Zeitraum von zehn Jahren. Und wir haben bloß zehn Jahre. Unter der Voraussetzung, dass wir keinen Zusammenbruch so wie in der Depression der 1930er Jahre wollen, brauchen wir eine Wirtschaft, die in Bereichen wächst, die die Erde nicht belasten, also z.B. im sozialen Sektor, bei der Bildung und Kunst, aber schrumpft, wo wir die begrenzten Ressourcen gedankenlos verbrauchen. Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt. Ich bin davon überzeugt, dass der Klimawandel für uns eine historische Gelegenheit darstellt, unsere Träume umzusetzen, weil es Träume sind, die die Menschen und Bewegungen, auf deren Schultern wir stehen, seit Jahrhunderten geträumt haben. Denn das Projekt, die Umweltbelastungen auf ein Niveau zu reduzieren, das Umweltwissenschaftler vorschlagen, birgt auch die Chance, eine neue Politik zu erfinden, die unser Leben dramatisch verbessert, den Abstand zwischen Arm und Reich überwindet, eine Menge neuer guter Arbeitsplätze schafft und eine grundlegende Demokratisierung bringt. Anstatt als das ultimative Beispiel für das, was ich die Schock-Doktrin nenne, zu dienen – mit einem irrsinnigen Ressourcenverbrauch und neuen Formen der Unterdrückung –, kann die Klimakatastrophe zu einer ganz anderen Art von Schock führen, zu einer radikalen Wende von unten. Er kann die Macht in die Hände der Vielen legen, anstatt sie bei Wenigen zu konzentrieren. Er kann die Commons, die Gemeingüter radikal ausweiten, anstatt sie als Waren auf den Märkten zu verschleudern. Und wo rechte Schockexperten Katastrophen, wirkliche und vorgebliche, dazu nutzen, eine Politik durchzudrücken, die uns nur immer noch anfälliger für Krisen macht, da wird die Form des gesellschaftlichen Umbaus, für die wir kämpfen, genau das Gegenteil bewirken: Sie führt uns vor allem an die Wurzel all dieser wirtschaftlichen und ökologischen Krisen und schafft ein lebenswerteres Weltklima als das, auf das wir zusteuern, sowie eine viel bessere Wirtschaft, als die, die wir jetzt haben. In Wahrheit, und wir alle wissen es, ist die Klimakatastrophe nicht einfach ein weiteres Problem, das wir getrost auf die Liste der beunruhigenden Dinge wie Krankenversicherung oder Steuern setzen könnten. Sie ist vielmehr ein zivilisatorischer Alarmruf, eine aufrüttelnde Botschaft, die in der Sprache von Waldbränden, Überschwemmungen, Dürre und Artensterben zu uns spricht. Sie sagt uns, dass wir ein komplett neues Wirtschaftsmodell brauchen, eine neue Art des Zusammenlebens auf unserem Planeten.