30.09.2014

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Der Weg in die Praxis: Von Solidarischer Ökonomie, Genossenschaften und dem Guten Leben ohne Wachstum

Weltweit organisieren sich immer mehr Menschen in Netzwerken solidarischer Ökonomie, jenseits von Markt und Staat. In Brasilien sind inzwischen 1,6 Millionen Menschen in 22.000 selbstverwalteten Betrieben organisiert, die ohne Chefs und Angestellte arbeiten, fairen Handel betreiben und eigene Währungen schaffen. Die Herausforderung bestehe darin, diese Initiativen so miteinander zu vernetzen, dass sie tatsächlich eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell bieten, so Euclides Mance. Genau daran arbeitet auch die Cooperativa Integral aus Katalonien, die mit inzwischen 5000 Migliedern autonome Wirtschaftskreisläufe zu organisieren versucht. Es gehe darum, Strukturen der Selbstversorgung aufzubauen, so Ariadna Serra, um sich unabhängig von Geld und Lohnarbeit zu machen.

Gäste: 
Jean-Louis Aillon, La Decrescita Felice, Turin
Euclides Mance, Mitbegünder des brasilianischen Netzwerkes für Solidarische Ökonomie Solidarius, Autor des Buches "Die Revolution der Nezwerke"
Ariadna Serra, Mitarbeiterin der Cooperativa Integral Catalan, Spanien
Transkript: 

Euclides Mance: Mehr als eine Milliarde Menschen sind heute von Hunger betroffen. Milliarden Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Sie haben kaum Essen, keine Kleidung, keinen Zugang zu Medizin. Aber sie haben viele Bedürfnisse und große Hoffnung, ihre Realität zu ändern. Viele von ihnen sind daher aktiv tätig in der Solidarischen Ökonomie. Sie organisieren sich in solidarischen Gemeinschaften für Produktion, Austausch und Konsum. Es sind selbstorganisierte Gruppen ohne Chefs und Angestellte; Gruppen, die ökologisch orientiert sind und das Gleichgewicht der Ökosysteme wiederherstellen wollen. Diese Gruppen schaffen auch lokale Währungen und „soziale Währungen“, sie finanzieren sich nach ethischen Kriterien und betreiben fairen Handel. Es gibt abertausende solcher Gruppen. Aber wie kann man mit all diesen größeren und kleineren Initiativen das Wirtschaftsmodell ändern? Um das zu erreichen, müssen alle diese Praktiken in eine Strategie der wirtschaftlichen Befreiung organisiert werden. Darum geht es: um eine Ökonomie der Befreiung. Es müssen Netzwerke der Zusammenarbeit organisiert werden, die es ermöglichen, die wirtschaftlichen Macht- und Wissensflüsse anders zu organisieren, um einen wirklichen strukturellen Wandel zu erreichen. Die kapitalistische Wirtschaft basiert auf dem Prinzip der Knappheit. Sie benötigt eine unbefriedigte Nachfrage, um Gewinne erzielen zu können. Es muss Geldknappheit herrschen, um das Preisgleichgewicht aufrecht zu erhalten und die Akkumulation von Werten zu sichern. Die solidarische Wirtschaft dagegen hat das Ziel, ein Gutes Leben – das buen vivir – für alle Menschen zu garantieren. Sie sichert die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen; zugleich schafft sie ein System von Wertzeichen, das sich vom herkömmlichen Geld grundstzlich unterscheidet, um den Austausch zwischen Verbrauchern und Produzenten in ökologisch nachhaltiger und sozial gerechter Weise zu ermöglichen.

Die solidarische Ökonomie – die Ökonomie der Befreiung – wird von den selbstverwalteten Organisationen aufgebaut. Nicht der Staat konstruiert die wirtschaftliche Befreiung der Gesellschaften; die Gesellschaft selbst befreit sich, und zwar durch Zusammenarbeit. In Brasilien haben wir viele Netzwerke organisierter solidarischer Wirtschaft. Eine Bestandsaufnahme ergab, dass es bereits 22.000 Inititiaven gibt, die solidarische Wirtschaft betreiben. Beteiligt sind insgesamt 1,6 Millionen Menschen. Und der jährliche Umsatz beträgt 4,4 Milliarden US-Dollar. Wir haben ein Netzwerk von mehr als 100 Gemeinschaftsbanken, die lokale Währungen herausgeben. Sie arbeiten integriert mit solidarisch bewirtschafteten Fonds zusammen und ermöglichen so auf der einen Seite den nicht-monetärer Austausch innerhalb der Netzwerke, auf der anderen Seite aber auch monetäre Zahlungen außerhalb der Netzwerke. Es gibt auch Handelssysteme, die ökologische Landwirtschaft in verschiedenen Regionen des Landes logistisch miteinander verbinden, und ein landesweites System, das Siegel für den fairen solidarischen Handel herausgibt – und jüngst auch von der Regierung genehmigt wurde. Darüber hinaus haben wir in Brasilien ein zivilgesellschaftliches Forum für solidarische Wirtschaft, das der Vernetzung aller Akteure dient. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Die Wirtschaftskreisläufe der einzelnen Organisationen sind noch nicht wirklich integriert und miteinander verbunden. Genau das aber ist ein entscheidendes strategisches Element für wirklichen Wandel. Wenn es uns nicht gelingt, das umsetzen, gibt es auch keine strukturelle Transformation.

Jean-Louis Aillon: Glück und Wohlergehen sind für uns wichtige Quellen für Degrowth. Uns gefällt der Begriff Degrowth – "Ent-Wachstum" – gerade weil oft kritisiert wird, dass er so nach Schrumpfung klingt. Ein glückliches Schrumpfen scheint ein Widerspruch, aber genau darum geht es gesellschaftlich: um die Wiederherstellung des Wohlbefindens und zugleich um den Respekt vor den sozialen und ökonomischen Grenzen unseres Tuns. Für unsere Bewegung ist es sehr wichtig, der Kommerzialisierung etwas entgegenzusetzen, Dinge dem Markt zu entziehen. Wir unterscheiden deutlich zwischen Waren und Gebrauchsgütern. Unser Zugang zum Thema Degrowth ist pragmatisch, wir versuchen Theorie und Praxis zu kombinieren. Unser Ziel ist es, Menschen, die Bücher über das Thema lesen, und möglicher Weise frustriert sind, weil sie nicht wissen, was sie jetzt tun sollen, Werkzeuge an die Hand zu geben: Werkzeuge, die ihnen helfen, sich in ihrer Stadt zu organisieren und Aktivitäten in Richtung Degrowth zu starten.

Wir haben vier Säulen für unsere Aktionen. Bei der ersten geht es um Lebensstile. Wir experimentieren mit neuen Lebensformen, wir unternehmen verschiedenste Aktivitäten wie zum Beispiel städtisches Gärtnern. Wir nennen das unsere „Universität der Eigenproduktion“. Wir organisieren Gratiskurse, in denen wir Leuten beibringen, wie man Dinge selber produzieren kann. Bei uns lernt man z.B., wie man Käse macht, elektrische Geräte repariert oder Make-up herstellt. Diese neuen Lebensformen, die wir ausprobieren, fördern die Gemeinsamkeit und Geselligkeit, es ist in gewisser Weise der Fun-Part. Ein anderer Aspekt ist Politik. Wir organisieren lokale politische Aktionen. Wir protestieren etwa gegen eine Müllverbrennungsanlage, besetzen Plätze und mobilisieren Unterschriftenaktionen. Wir stellen uns diesem Kampf. Technologie ist ein weiteres Feld, und das noch größere Gebiet, das wir abdecken, ist eine kulturelle Revolution. Das sind die drei Dinge, mit denen wir uns beschäftigen.

In Italien haben wir außerdem gerade ein Netzwerk gegründet, das sich “Gesundheit und Nachhaltigkeit” nennt, gemeinsam mit 21 Organisationen, die auf dem Gebiet der Gesundheit arbeiten. Wir haben das internationale Manifest von Bologna unterzeichnet, in dem wir sagen, dass Wachstum nicht nur aus ökonomischen, sozialen und Umwelt-Gründen nicht nachhaltig ist, sondern auch in Bezug auf die Gesundheit. Um Gesundheit zu fördern und zu schützen, müssen wir das derzeitige gesellschaftliche System überwinden und über Wachstum hinausgehen. Unsere Gesundheit wird zu 60 Prozent von sozialen und Umweltfaktoren bestimmt wie Verteilungsgerechtigkeit, das Funktionieren unserer sozialen Sicherungssysteme oder die Qualität von Luft, Wasser, Boden und Nahrung. Unsere Gesellschaft investiert viel Geld in das Gesundheitssystem. Doch diese Investitionen haben nur einen begrenzten Effekt auf unsere Gesundheit, sie machen nur etwa 20 Prozent aus. Auf der anderen Seite beutet die Gesellschaft durch ihr ökonomisches Handeln Menschen und Umwelt aus. Das ist also nicht nachhaltig, und wir müssen darüber hinausgehen und jenseits von medizinischem Konsum und der Erfindung immer neuer Krankheitsbilder zu einer neuen Art von Fürsorge finden, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Für uns ist der Mensch nicht eine Maschine, sondern ein bio-psychisches, soziales, spirituelles Wesen in Beziehung mit anderen. Das sollten wir beachten. Der Heilungsprozess darf nicht nur in Krankenhäusern mit neuesten Technologien stattfinden, sondern sollte die Menschen als ganzes in vielfältigen Beziehungen einbeziehen. Gesundheit ist nicht etwas, was man kaufen kann. Man muss aktiv und gemeinschaftlich daran mitwirken und in einen Prozess treten, der Gesundheit bewusst fördert, nicht nur einzelne Probleme kurzfristig lindert.

Ich denke, dass die Krise, die wir gerade in Italien und anderswo erleben, eine Chance für all diese Veränderungen sein kann. Aber wir brauchen Mittel, um uns zu organisieren und diese Veränderungen zu gestalten. Denn wenn uns das nicht gelingt, dann droht uns Barbarei, Diktatur oder dergleichen. Als “movimento per la decrescita felice” versuchen wir, in dieser Übergangsphase einen Wandel zu erreichen. Menschen haben ein enormes Potential. Man muss sich zusammentun und versuchen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Aber jede Gruppe ist anders. Es geht nicht darum, das tun, was in irgendeiner Bibel steht, sondern das, was man mag, was man fühlt! Man muss es mit Kreativität tun, dann hat es großes Potential.

Ariadna Serra: Die Integrale Katalanische Kooperative versteht sich als einen systemischen Prozess. Sie will die Grundlagen für eine öffentliche Versorgung 'von unten' schaffen, jenseits der Reichweite des Staates und mit der Beteiligung aller Menschen. Die Grundlagen der Kooperative sind ihre Vollversammlung und ein Entscheidungsfindungsprozess, der auf Konsens zielt. Der Kooperative geht es um einen Wandel in der Mentalität und der Art, den Menschen zu sehen, nämlich als ein teilhabendes und teilendes Wesen. Es ist die Idee eines vollständigen integralen Wandels, der zur integralen Revolution beiträgt.

Momentan arbeiten rund 5.000 Menschen direkt mit uns und über beteiligte Gruppen. Wir müssen zwar noch immer einige Produkte vom Markt kaufen, aber unser Ziel ist die Selbstversorgung, auch wenn der aktuelle Rahmen das noch nicht gestattet. Wir arbeiten teilweise mit „sozialer Währung“. Ganz ohne den Euro geht es aber noch nicht, weil wir einen Teil dessen, was wir brauchen, nicht mit sozialer Währung erwerben können. Dennoch arbeiten wir daran, uns vom vom monetären Geldsystem unabhängig zu machen, und schaffen dies jedes Mal ein wenig besser.

Viele der Werte, die wir in der Kooperative fördern, haben mit einer Abkehr vom Wachstum, mit Degrowth zu tun. Wir sprechen zum Beispiel über eine freiwillige Einfachheit und eine Verringerung der Notwendigkeiten. Wer in der Kooperative mitarbeitet und teilnimmt, kann sich darüber klar werden, was er oder sie wirklich braucht. Es geht auch darum, das System der Lohnarbeit zu verändern bzw. zu überwinden, zum Beispiel dadurch, dass Menschen, die bei uns mitmachen, ihre Arbeit nicht für Geld sondern als Dienstleistung für die Gemeinschaft einbringen. Und von der Gemeinschaft erhält jeder umgekehrt, was er benötigt. Ein wichtiger Anstoß für uns kam von Eric Duran. Vor ein paar Jahren erleichterte er einige Banken um etwa eine halbe Million Euro, indem er Kredite aufnahm ohne die Absicht, sie je zurückzuzahlen. Er enteignete sie sozusagen ein Stück weit, um das Geld an alternative Projekte zu geben. Anschließend veröffentlichte er eine Reihe von Artikeln zur Wirtschaftskrise und über die Genossenschaftsbewegung. Daraus entstanden in Katalonien viele Initiativen für die Gründung integraler Kooperativen und Ideen darüber, wie sich die Bevölkerung von den Banken und vom Staat emanzipieren kann.