12.11.2021
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Introduction: 

Das Interview ist in Englisch, da wir keine Kapazitäten haben, es schnell mit einem deutschen Voice Over zu versehen. Es können zum besseren Verständnis aber englische Untertitel eingeschaltet werden. Eine deutsche Übersetzung wird nachgeliefert.

Interview mit Nnimmo Bassey auf dem Klimagipfel in Glasgow COP26. Nnimmo Bassey ist ein nigerianischer Dichter und Umweltschützer. 

Afrika ist bereits stark betroffen von der Klimakrise, sagt Nnimmo Bassey. Schwere Dürren, Überschwemmungen und Zyklone haben dieses Jahr schwere Schäden angerichtet. Das liegt auch daran, dass die Erderhitzung in Afrika um 50 Prozent höher ist im Vergleich mit dem globalen Durchschnitt. Das heißt: 1,5 Grad bedeuten für Afrika deutlich mehr. „Letztlich lassen wir Afrika damit verbrennen.“

Doch Ursachen für Klimakrise werden auch in Afrika weiter verstärkt. In Uganda zum Beispiel bohren Ölkonzerne weiter nach Öl und exportieren es durch Pipelines in Tansania. Kanadische Unternehmen suchen nach Öl im Okavango-Gebiet, in Botswana und Namibia. Proteste dagegen werden oft gewaltsam unterdrückt. So sind über 1000 Umweltschützer*innen weltweit seit Paris Klimagipfel 2015 getötet worden. Die Täter würden aber nicht belangt.

Bassey kritisiert den UN-Prozess, der keine Ergebnisse bringe. Seit Kopenhagen und Paris habe es von den Staaten nur freiwillige Selbstverpflichtungen ohne Sanktionsmechanismus gegeben. Auch bei der Frage „Loss and Damage“ gebe es auf der COP26 keinen Fortschritt. Die reichen Staaten sind weiter nicht bereit, über ihre Verantwortung für die Schäden zu sprechen. Wenn diese Blockade anhalte, sollten sich die armen Länder aus der COP zurückziehen, sagt Bassey.

Die Versprechen der Finanzindustrie in Glasgow seien eine Täuschung. Die fossile Brennstoffindustrie will im nächsten Jahrzehnt allein 250 Milliarden US Dollar in Afrika investieren. Bis 2050 plant man 1,5 Billionen an Investitionen für die fossile Produktion auf dem afrikanischen Kontinent zu mobilisieren. Das Geld kommt von denselben Finanzunternehmen, die gleichzeitig vorgeben, klimaneutral zu werden.

Die Kriege in Afghanistan, Irak und Libyen sind Kriege um Ressourcen, Ressourcenkontrolle und Kolonisierung gewesen, beton Bassey. Zudem würden die Treibhausgase, die das Militär produziert, im Rahmen der Klimaverhandlungen nicht einmal eingerechnet, obwohl es einer der schmutzigsten Sektoren ist. Die kriegerische Zerstörung von Infrastruktur verringere zudem die Widerstandsfähigkeit der Staaten gegenüber der Klimakrise. Nur 100 Milliarden US-Dollar werden für Klimafinanzierung versprochen und nicht einmal bisher gezahlt. Dem gegenüber geben die reichen Länder fast 2 Billionen US-Dollar jedes Jahr für Militär und Kriege aus. „Das Militär ist ein zentraler Sektor, der verhindert, dass wirklich etwas gegen die Klimakrise getan wird.“

Bassey fordert: Die Industriestaaten sollten Klimagerechtigkeit in Hinsicht auf die historische Emissionsschulden wieder ins Zentrum stellen. Die reichen Länder sind hauptverantwortlich für die Krise und müssten daher alles tun, um die Krise zu lösen. Die Industriestaaten sollten sofort damit beginnen, das Verbrennen von Kohle, Gas und Öl zu stoppen, nicht erst in zehn Jahren. Das gebe den armen Ländern Zeit, zu dekarbonisieren. Die Staaten des globalen Südens müssen zudem Reparationen verlangen für die Klimaschulden der Industriestaaten.

Bassey ist gegen Marktlösungen und Kohlenstoffmärkte, die mit Schlupflöchern in Form von Offsets und Kohlenstoffverpressung versehen werden können, Experimente mit Geo-Engineering vorantreiben und die Industriestaaten die volle Kontrolle über den Prozess geben. Das alles garantiere nicht die schnelle und notwendige Dekarbonisierung, es seien falsche Lösungen. Vielmehr brauche es echte Veränderung. Das heiße: Die fossilen Brennstoffe müssen im Boden bleiben. Der Energieverbrauch sollte gerecht verteilt und die industrielle Landwirtschaft zugunsten einer biologisch basierten Anbauweise zurückgedrängt werden. Das kühle den Planeten.

Bassey sagt: „Wir müssen in den planetaren Grenzen leben“. Hoffnung geben Bassey die jungen Leute. Sie sehen, dass die Regierungen nicht handeln und protestieren dagegen. Die Proteste der letzten Jahre haben auch zivilgesellschaftliche Gruppen unter Druck gesetzt, die sich bisher mit der Politik arrangierten. Falsche Lösungen wie das Konzept von Klimaneutralität, Offsetting usw. werden seitdem breiter als Irrwege in Frage gestellt. Irgendwann werden die jungen Aktivist*innen in politischen Positionen kommen, um dann Entscheidungen zu treffen, sagt Bassey. Das werde die Lage vollkommen verändern. Am Ende liest Nnimmo Bassey sein Gedicht „Injury Time“, das er für die COP26 geschrieben und auf einer Demonstration in Glasgow vorgetragen hat.

Guests: 

Nnimmo Bassey ist ein nigerianischer Dichter und Umweltschützer. Er ist Direktor der Organisation Health of Mother Earth Foundation. Von 1993 bis 2013 war er Leiter von Environmental Rights Action und von 2008 bis 2012 Vorsitzender der Friends of the Earth. Er ist Träger des Alternativen Nobelpreises. Das Time Magazine wählte ihn 2009 zu einem der Heroes of the Environment („Helden der Umwelt“).