12.11.2021
Share: mp3 | Embed video
Introduction: 

Interview mit Kevin Anderson, renommierter britischer Klimawissenschaftler und ehemaliger Direktor des Tyndall Center for Climate Change Research, auf dem Klimagipfel in Glasgow (COP26).

Auf dem Klimagipfel in Glasgow COP26 herrsche weiter Klima-Ignoranz. Abgesehen von Ausnahmen wie dem Ministerpräsidenten des Inselstaats Barbados schauten die Staatschefs weiter über die Klimakrise hinweg. Kein Land biete Maßnahmen an, um das Paris-Ziel erreichen zu können, während die Regierungen gleichzeitig vorgeben, die Temperatur unter 2 Grad Celsius halten zu wollen. Dafür müssten die Industriestaaten jedoch bis 2030 bis 2035 dekarbonisiert sein. Entwicklungsländer hätten etwas mehr Zeit, so Anderson, höchstens jedoch 10 bis 15 Jahre länger. Doch solche Reduktionen würden nicht angeboten.

Gleichzeitig seien Emissionsszenarios, die in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, als ob das 2-Grad-Ziel haltbar sei, wenn alle Staaten ihre Versprechen einlösen, „extrem irreführend“. Denn in den Szenarios wird ausgegangen, dass in der Zukunft Technologien, die es bisher gar nicht gibt, große Mengen an Treibhausgasen wieder zurückholen und kompensieren. Rechnet man diese illusorische Emissionsminderung heraus, sei die Welt tatsächlich auf einem Kurs, der 3 Grad plus bedeutet. Die Situation werde noch verschärft dadurch, dass, wie sich aufgrund von Recherchen der Washington Post herausstellte, die der UN gemeldeten Treibhausgase der Ländern deutlich niedriger sind als die tatsächlich ausgestoßenen. Die Abweichung reicht bis zu einer Fehlerquote von 25 Prozent.

Anderson sagt, dass selbst ambitionierte Länder wie Schweden oder Großbritannien weit entfernt vom Notwendigen sind. Ihre Klimapläne entsprechen keineswegs dem Paris Abkommen, sondern steuern Richtung 2,5 bis 3 Grad Erderhitzung. Das liege daran, dass der Gerechtigkeitsaspekt bei der Verteilung des Restbudgets an Treibhausgase in den Plänen komplett ausblendet werde, um sie Paris-konform erscheinen zu lassen. „Die Länder gehen davon aus, dass ihr Reduktionstempo dem der Entwicklungsländer entspricht. Das ist aber unvereinbar mit dem Prinzip der ‚gemeinsamen, aber geteilten Verantwortung‘“, dem Gerechtigkeitsprinzip, dem sich die Industriestaaten jedes Jahr aus Neue in Erklärungen verpflichten.“ Zudem sind in die Klimapläne „negative Emissionstechnologien“ der Zukunft eingerechnet, die das Budget der Länder künstlich vergrößern. Dabei können die Staaten auf Reduktionsszenarien von Klimaökonomen zurückgreifen, die mit illusionären Annahmen über Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) die Budgets getunt haben (siehe oben), um sie dem politischen Mainstream akzeptabler zu machen. Doch dieser Spin sei unwissenschaftlich und gefährlich.

Nach Andersons Einschätzung sind wir tatsächlich auf dem Weg in eine Welt, die 3 bis 4 Grad wärmer sein wird. „Dann werden wir auf einem anderen Planeten leben“. Das würde den Kollaps vieler unserer Öko- und gesellschaftlichen Systeme bedeuten. Ein Desaster, das in diesem Jahrhundert passiere, wenn der Kurs nicht geändert wird.

Um den Kurs zu ändern, brauche es eine Energie- und Konsumptionsrevolution, und das global in ein bis drei Jahrzehnten. Bisher gebe es nicht annähernd die nötigen Investitionen dafür. Zudem seien die bisherigen neoliberalen Finanzinstrumente nicht darauf ausgerichtet, die notwendigen Technologien voranzutreiben, sondern primär darauf, Gewinne für die Kapitaleigner zu generieren. Es brauche dem gegenüber transparente und echte Klimainvestitionen und -finanzierungen.

Eine Studie, an der Anderson teilgenommen hat, zeigt zudem, dass Klimaschutz in den letzten Jahrzehnten vor allem durch machtvolle Interessengruppen verhindert werden konnte. Das sei eine relativ kleine Anzahl von einflussreichen Menschen, das sogenannte „Davos-Cluster“, einer Gruppe, die sich aus Spitzenpolitikern, Unternehmensführern, kulturellen Eliten usw. zusammensetze, so Anderson. Diese Gruppe stelle sich als unfähig heraus, die notwendige Veränderung zu erwirken. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass nur Bewegungen von unten die Kursänderung durchsetzen können. „Wenn die Bürger*innen ihre Macht nutzen, können sie eine andere Machtstruktur etablieren, die uns aus der gegenwärtigen Sackgasse führt“.

Vor allem die Wohlhabenden müssen die Treibhausgase in den nächsten Jahren stark reduzieren, um das Schlimmste zu verhindern. So seien die oberen zehn Prozent der Welt für 50 Prozent der Klimagase verantwortlich. Und: Der Kohlenstoff-Fußabdruck der Top-1-Prozent ist doppelt so groß wie der der unter 15-Prozent. „Es müssen also politischen Maßnahmen ergriffen werden, die die Emissionen dieser Gruppe, zu der viele der Teilnehmer der COP gehören, herunterfahren.“ Dazu brauche es einen alle Bereiche umfassenden Infrastrukturumbau, der Jobs schaffe. Die Proteste der letzten Jahre und zivilgesellschaftlichen Bewegungen geben Anderson Hoffnung, dass eine derartige Wende, die technisch noch möglich ist, politisch durchgesetzt werden kann.

Guests: 

Kevin Anderson ist ein renommierter britischer Klimawissenschaftler, der  an der School of Engineering der University of Manchester und dem  Centre for Environment and Development Studies (CEMUS) der Uppsala University forscht. Anderson ist ehemaliger Direktor des Tyndall Center for Climate Change Research.