Foulspiel in Brasilien: Wie FIFA und Militärpolizei einen Krieg gegen die Armen führen

04.07.2014

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Gäste: 
Thomas Fatheuer, Sozialwissenschaftler und Buchautor, bis 2010 Leiter des Büros der Heinrich-Boell Stiftung in Rio de Janeiro
Wolfgang Maennig, Prof. für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg, Ruder-Olympiasieger (1988)
Dave Zirin, Sportjournalist, Autor des Buches "Brazil's Dance with the Devil. The World Cup, the Olympics, and the Fight for Democracy"

sowie Ausschnitten aus dem Dokumentarfilm "Dominio Publico" von Fausto Mota

Vertreibungen und Proteste: Die WM als Mittel zur Durchsetzung neoliberaler Politik

04.07.2014

Der US-Sportjournalist Dave Zirin berichtet während der WM regelmäßig aus Rio de Janeiro über die andauernden Proteste, das repressive Vorgehen der brasilianischen Sicherheitskräfte, den Einsatz von Tränengas und Schusswaffen. Er schildert auch, wie in den Favelas die Zwangsräumungen in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio fortgesetzt werden. Die sportlichen Großereignisse in Brasilien, so Zirin, würden als ein Art "trojanisches Pferd" benutzt, um neoliberale Politiken umzusetzen. Was hinter den Zwangsräumungen und der „Befriedungspolizei“ steckt und wie die Favela-Bewohner Widerstand gegen ihre Vertreibung organisieren, schildert der brasilianische Filmemacher Fausto Mota in seinem aktuellen Dokumentarfilm „Dominio Publico“ („Der öffentliche Raum“). Der Film zeigt zudem, welche Rolle Parteispenden, Korruption und Milliardenprofite mächtiger Investoren bei der WM und Olympiade spielen.

Militarisierung: Deutsche Gepardpanzer, Wasserwerfer und Polizeikessel für die WM / Ein "Krieg gegen die Armen"

04.07.2014

Im Vorfeld der WM protestierten Millionen Menschen gegen die Fifa, die unsoziale Politik der Regierung – und gegen den exzessiven Einsatz von Polizeigewalt. Die Militärpolizei führe schon lange, so Thomas Fatheuer, einen „Krieg gegen die Armen“, allein 2013 tötete sie etwa 400 Menschen. Im Zuge der WM-Vorbereitungen wurden - auch auf Druck der Fifa - Polizei und Militär massiv aufgerüstet. So hat die deutsche Polizei die Polizei von Rio in der „Kessel-Taktik“ ausgebildet, während Krauss-Maffei Wegmann zusammen mit Siemens 34 Gepard-Panzer mit Flugabwehrgeschützen und VW Wasserwerfer lieferte. Die WM werde der größte Einsatz von Streitkräften im Inneren in der Geschichte Brasiliens. Die staatliche Gewalt richtet sich besonders gegen die Menschen in den Favelas. Schätzungsweise 250.000 Menschen sind für WM und Olympia vertrieben worden oder akut von Vertreibung bedroht. Kein Haus eines Reichen sei angetastet worden, so Thomas Fatheuer, betroffen seien ausschließlich ärmere Menschen.

Die Stadt als Raum des Kapitals: Wie WM und Olympia die Demokratie verdrängen / Baukonzerne als Hauptprofiteure

04.07.2014

Die WM in Brasilien gilt als die teuerste aller Zeiten. Der brasilianische Staat hat mehr als zehn Milliarden Euro für die WM ausgegeben, während in Bereichen wie Gesundheit und Bildung lebensnotwendige Investitionen fehlen. Drei der Stadionneubauten sind in Städten entstanden, in denen es nicht einmal einen Drittliga-Fußballclub gibt – ein Milliardengeschäft für große Baukonzerne wie Odebrecht, die auch zu den wichtigsten Wahlkampffinanziers von Regierung und Opposition gehören. Sportliche Megaevents würden, so Thomas Fatheuer, benutzt, um eine massive Kommerzialisierung von Städten durchzusetzen. Die Stadt werde zu einem Verwertungsraum für das Kapital umgebaut, anstatt zu einem Raum der Partizipation von Bürgern. Auch die Fifa-Regeln würden Partizipation und Demokratie zurückdrängen, z.B. durch Sondergesetze zum Ausschluss lokaler Händler.

Ein Nullsummenspiel: Der Mythos vom volkswirtschaftlichen Nutzen großer Sportevents

04.07.2014

Um sportliche Großereignisse wie Fußballweltmeisterschaften oder Olympische Spiele politisch durchzusetzen, wird oft argumentiert, dass sie die Wirtschaft vor Ort stimulierten. Wolfgang Maennig hat zahlreiche Studien und Gutachten zu den ökonomischen Konsequenzen von sportlichen Mega-Events verfasst. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die wirtschaftlichen Effekte von WMs und Olympischen Spielen seien nicht nachweisbar, gingen über eine „Feel Good“-Atmosphäre nicht hinaus. Das gelte sowohl für Beschäftigung, Einkommen wie Steuereinnahmen. Auch in Brasilien werde der im Vorfeld ausgerufene Boom ausbleiben. Zudem: „Der brasilianische Staat kann das Steuergeld nur einmal ausgeben. Das was er für Sport investiert, kann er für andere Bereiche wie Krankenhäuser oder Schulen nicht mehr ausgeben. Und das ist ein Problem, das die Brasilianer jetzt verstärkt spüren."